Veranstaltung | Vielseitige Präsentationen über die neuen Herausforderungen des Energieträgers Biogas konnten Besucher auf dem 2. CLAAS Biogassymposium in Harsewinkel verfolgen. Im Focus standen Optimierungsstrategien für eine effiziente Biogasproduktion.
von Rouven Zietz
Ohne unsere Landwirte werden wir die Energiewende nicht schaffen,“ sagte der Staatssekretär des Bundesministeriums für
Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV), Dr. Gerd Müller, vor 500 Gästen auf dem 2.
Claas Biogas Symposium. In der Claas-Konzernzentrale in Harsewinkel, Nordrhein-Westfalen, boten Experten, Ökonomen, Praktiker und Techniker einen Querschnitt zu Themen wie das neue EEG, Kostensenkungspotenziale in der Biogasproduktion und die Rolle des flexiblen Energieträgers zur Zeiten der Energiewende.
Plus und Minus im Fokus: Nikolaus Bormann von der GrossBetriebsBeratung sprach über Strategien, die Biogasproduktion ökonomisch zu optimieren (Bild: Rouven Zietz)
Im ersten Redebeitrag beschrieb Staatssekretär Müller die Grundideen, die sich im neuen EEG 2012 widerspiegeln. Ein Anliegen des BMELV sei es gewesen, die Vergütungsstruktur im EEG zu vereinfachen - also Abschaffung des Boni-Systems.
Die Auflockerung der strikten Trennung zwischen landwirtschaftlichen Substraten und Reststoffen in einer Anlage verteidigte Müller als Instrument, um die Wertschöpfung in den Regionen zu steigern. Betreiber kleinerer Anlagen hätten somit die Möglichkeit, Abfallstoffe in ihrer Umgebung aufzukaufen und in ihrer Biogasanlage zu verwerten.
Schwachstellen
aufdecken
Den Gästen im Auditorium sicherte Müller zu, dass „es nicht geplant ist, die jetzigen Beschlüsse zu ändern.“ Müller ging mit der Aussage auf die aktuellen Diskussionen in Berlin ein. Jüngst forderte der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler wie auch führende CDU-Politiker erneut, Korrekturen am EEG vorzunehmen, um die Verbraucher weiter zu entlasten, wie sie sagen.
Mit der kernigen Aussage „Mir graut schon vor der nächsten Novellierung,“ beendete Ulrich Keymer, Landwirtschaftsdirektor des Instituts für Agrarökonomie in München, seine Präsentation. Zuvor ging Keymer im Detail auf die Neuerungen im EEG 2012 ein. Dabei legte er zum Teil massive handwerkliche Fehler im novellierten Gesetz offen. Etwa wurden bei den Einsatzstoffvergütungsklassen (ESK) einzelne Substrate nicht näher definiert, was zu Verwirrungen in der Praxis führen werde. Außerdem monierte er bei der Berechnung der ESK-Boni („Soviel zum Thema Vereinfachung“), dass zukünftig Betreiber die Massen und Mengen der Substrate exakt erfassen müssen, um ihr Geld aus den drei Einsatzstoffklassen zu erhalten. Das Problem: „Immer wenn Massenprozente an Vergütungen geknüpft sind, ist das Eichgesetz rechtskräftig.“ Dies könne zu rechtlichen Problemen führen.
Keymer vertrat die These, dass die Biogasanlagen zwischen 100 und 500 kW die Verlierer des neuen EEG 2012 seien. „Das Duell zwischen landwirtschaftlichen Biogasanlagen und Großanlagen ist durch das novellierte EEG nochmals deutlich verschärft worden.“
Technischer Fortschritt senkt Kosten
Gelassener kommentierte hingegen Nikolaus Bormann von der GrossBetriebsBeratung (GBB) Hohwacht die neuen Rahmenbedingungen der Biogasproduktion. Statt auf Gesetze konzentrierte sich Bormann in seinem Vortag auf die Betriebswirtschaft und zeigte in seinen Folien Strategien für mehr Wirtschaftlichkeit auf. Dabei stellte er zunächst klar, dass Gewinn und Verlust bei Biogasanlagen sehr nah beieinander lägen, wobei es zwischen den Anlagen große Unterschiede gibt.
Als wichtigsten Kostenblock nannte er die Substratkosten, gefolgt von Abschreibungen und Zins, die durch eine zu hohe Investition zu Beginn der Betriebszweigsgründung unnötig viel Geld kosten könnten. Gleichzeitig empfahl der Unternehmensberater, auf den technischen Fortschritt zu setzen, um durch höhere Effizienz Kosten zu senken. „Betreiber haben täglich die Möglichkeit, den Erfolg ihrer Anlage zu verbessern.“ Bormann warnte davor, Anlagen nebenbei führen zu wollen. Um optimale Ergebnisse zu erzielen, müsse man dem Betriebszweig die notwendige Aufmerksamkeit widmen.
Als engagierter Anlagenbetreiber zeigte sich Matthias Brandner, der in Butjadingen nahe Bremerhaven auf dem landwirtschaftlichen Betrieb Hof Oegens, für die Biogasproduktion verantwortlich ist. Das Besondere: Brandner vergärt in seiner Anlage bis zu 75 % Gras. Zudem wurde die Größe der Anlage anhand des Wärmebedarfs in der Umgebung ermittelt.
500 Störfälle im Jahr
Zwei ungewöhnliche Maßnahmen, die zur Folge haben, referierte Brandner, „dass wir in der Bevölkerung nie Akzeptanzprobleme hatten.“ Dafür bereitet der hohe Grasanteil im Fermenter Schwierigkeiten. „Wir haben seit vier Jahren 500 Störfälle jährlich. Wenn ein Problem gelöst ist, entsteht daraus folgend ein Neues.“ Brandner gab zu Bedenken, dass der Einsatz von Gras zwar höhere Investitionen, einen höheren Eigenstrombedarf und eine geringere Auslastung bedeute, jedoch der öffentliche Druck erzwinge, Alternativen zu Mais in der Praxis anzuwenden.
Mit Substituten bzw. Ergänzungen zu Mais beschäftigt sich bereits seit Jahren Dr. Armin Vetter, stellvertretender Präsident der Thüringischen Landesanstalt für
Landwirtschaft in Jena. „Mais ist keine böse Pflanze. Die Dosis macht den Unterschied,“ stellte er gleich zu Beginn seines Vortrages klar. Vetter präsentierte Ergebnisse eines mehrjährigen Verbundprojektes (EVA), das 2005 startete
(siehe dazu joule 3/2011, S. 66 ff.)
.
Virtuelles Kraftwerk
für neue Projekte
In sieben Bundesländern wurden dazu fünf einheitliche Fruchtfolgen angebaut. Drei weitere wurden standortspezifisch konzipiert und angelegt. „Fruchtfolge ist das entscheidende Wort. Je mehr Kulturen angebaut werden, desto höher ist die Biodiversität,“ informierte Vetter über das Resultat des Anbautests. Zudem seien durch die vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten hohe Methanhektarerträge möglich. „In allen Fruchtfolgen sind immer die Kombination Winterzwischenfrucht/Mais und Ganzpflanzengetreide die ertragsbestimmenden Elemente.“
Über neue Wege, die es einzuschlagen gilt, sprach auf dem zweiten Claas-Biogas-Symposium auch MT-Energie und Energy2market Geschäftsführer Bodo Drescher. „Es ist ein neuer Markt entstanden und ich hoffe, dass wir es schaffen, unsere landwirtschaftlichen Strukturen zu vermarkten,“ appellierte er an die 500 Zuschauer in Harsewinkel mit Blick auf das neue Marktprämienmodell. Drescher stellte in seinem Vortrag das Konzept der energy2market GmbH vor.
Das Unternehmen will Anlagen und Energiemengen zu einem virtuellen Kraftwerk zusammenschließen, um handelbare Größen auf dem Strommarkt anzubieten. Ziel sei es laut Drescher, eine Vermarktungsstruktur zu schaffen, die Erzeugern ermöglicht, unabhängig von etablierten Versorgern, neue Projekte zu realisieren.
„Da kommt
noch eine Menge“
Das Ziel der Informationsveranstaltung war laut Gastgeber Claas, Wissen und Erfahrungen zu transportieren und auszutauschen. Zudem geht es um wirtschaftliche Interessen des Unternehmens, wie Organisator Dr. Eberhard Nacke gegenüber der joule bestätigte: „An der ganzen Prozesskette vom Anbau bis zum Management der Anlagen können wir Biogasanlagenbetreibern Produkte anbieten. Das ist für uns natürlich eine Motivation, sich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen.“ In den vergangenen Jahren konnte
Claas seine Erfolge etwas beim Teleskoplader oder der Managementsoftware vor allem auch im Segment Biogas erzielen. Und auch in Zukunft will das Unternehmen beim Thema Biogas nicht „locker lassen“. Nacke sieht zudem die goldenen Zeiten der Biogasnutzung erst noch kommen: „Wenn ich vergleiche, wo wir heute bei anderen Produkten sind, an denen bereits seit 100 Jahren geforscht wird, bin ich mir sicher, dass da noch eine Menge an Innovationen kommt. Und wir als Unternehmen
Claas wollen dazu einen Beitrag leisten.“