Die Schaffung dezentraler Energiesysteme im ländlichen Raum ist vor allem eine organisatorische und soziologische Herausforderung. Erfahrungen in kleinen Gemeinden geben erste Hinweise darauf, auf was beim Planen zu achten ist.
von Ferdinand Oberer
1. Die in Deutschland installierten Solaranlagen erzeugen eine Leistung von 6 GW
Mauenheim zählt 430 Einwohner und ist ein typisches Dorf der Baar, einer Region zwischen der Schwäbischen Alb und dem Schwarzwald. Seit 2006 hebt sich Mauenheim durch die Energieversorgung von anderen Orten ab. In Mauenheim produziert eine Biogasanlage jährlich 4 Mio. kWh Strom und liefert damit das Neunfache der im Ort verbrauchten elektrischen Energie. Mit der Abwärme der Biogasanlage sowie der Wärme eines Holzheizkraftwerks werden 66 der 100 Haushalte über ein 4 km langes Wärmenetz mit Energie versorgt. Mauenheim wurde damit zum ersten Bioenergiedorf in Baden-Württemberg ausgezeichnet. Zweieinhalb Autostunden östlich von Mauenheim, im bayerischen Allgäu, liegt Wildpoldsried ähnlich beschaulich in der Landschaft, verfolgt eine ähnliche Energiepolitik und erhält ähnliche Auszeichnungen.
Gemeinden, die sich mit Leuchtturmprojekten dezentraler Energieversorgung schmücken können, werden in Deutschland immer häufiger. Das ist auch gut so, denn die dezentrale Energieerzeugung in ländlichen Regionen soll sich zu einem wichtigen Standbein der regenerativen Energieversorgung entwickeln. Doch hinter den Erfolgsgeschichten verbergen sich Mut und Idealismus einzelner Akteure, viel Überzeugungsarbeit und auch so mancher Rückschlag.
Bauernhof mit Solardach in der Gemeinde Freiamt
Um aus den bisherigen Erfahrungen allgemeingültige Schlüsse zu ziehen, haben sich Behörden, Vereine und Forschungsinstitute der Untersuchung von Management-Methoden bei der dezentralen Energieversorgung angenommen. Die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) veröffentlichte 2008 den Leitfaden: „Wege zum Energiedorf“. Demnach hängt die erfolgreiche Umsetzung vor allem von drei Bedingungen ab: einer Gruppe von Initiatoren, Bürgern, die mitziehen, und einer effizienten Kommunikation zwischen den Akteuren. Dies kann auch Wendelin Einsiedler bestätigen.
Überzeugungsarbeit
Er betreut seit 10 Jahren in Wildpoldsried Biogas- und Windkraftanlagen als Gründer und Geschäftsführer von Betreibergesellschaften. Aufgrund seiner Erfahrungen würde er dem Katalog der FNR allerdings noch einen Punkt hinzufügen: Die Zustimmung der Gemeinde und der Behörden. „Man stelle sich nur vor, die Gemeinde ist gegen den Bau eines Wärmenetzes. Da wird es schwer sein, ein Projekt wirtschaftlich zu entwickeln.” Nun ist in Wildpoldsried die Gemeinde kooperativ und offen für Neues.
Dadurch war es auch möglich, auf den Dächern der öffentlichen Gebäude Solaranlagen zu installieren, die jährlich Strom im Wert von 70.000 € erzeugen. Der Erlös kommt den örtlichen Vereinen zugute und damit den Bürgern der Gemeinde. Bei 2.500 Einwohnern stärkt dieser Geldfluss das „Wir-Gefühl“.
Da in einer Gemeinde Biogasanlagen, Holzheizkraftwerke, Biogasanlagen und Windräder das tägliche Leben der Einwohner beeinflussen, muss in erster Linie der wählende Bürger für die Projektidee gewonnen werden. „Bei der dezentralen Energieversorgung werden Entscheidungen urdemokratisch gefällt,“ sagt Jörg Dürr-Pucher, Geschäftsführer von Clean Energy, einem Beteiligungs- und Beratungsunternehmen für Erneuerbare Energien, das in Mauenheim die Biogasanlage zusammen mit zwei Landwirten betreibt. „Die Mauenheimer für das Biogasprojekt mit Wärmenetz zu gewinnen war ein Häuserkampf“, erinnert sich Jörg Dürr-Pucher. Den übernahm damals die Solar-Complex AG aus Singen, welche zuvor erste Erfahrungen mit Wärmeleitungen gemacht hatte. Nach einer öffentlichen Projektpräsentation bekundeten zwar 43 von 80 Besuchern spontan Interesse. Um aber genügend Haushalte zu einer verbindlichen Absichtserklärung zu bewegen, musste Solar-Complex über Sprechstunden das Einzelgespräch mit den Bürgern suchen.
Anlage in Verruf
An dieser Art der Überzeugungsarbeit führt kein Weg vorbei und meist scheitern Projekte an schlechter Kommunikation. Ein Beispiel dafür ist Markt Kaufering bei Landsberg, wo die Stadtverwaltung bei der Planung eines Wärmenetzes vor 13 Jahren im ersten Versuch gegen die Widerstände von Hauseigentümern aufgelaufen war. Besonders harte Widerstände bauen sich dort auf, wo bestehende Anlagen in Verruf geraten sind. Von solch einem Projekt in ihrer Region wussten auch die Mauenheimer: Einer Biogasanlage, die stank und die mit Mais aus Monokulturen gefüttert wurde, machte den Projektierern das Leben schwer. Positive Beispiele gab es im Gegensatz zu heute kaum. Heute können Skeptiker erfolgreicher Anlagen besuchen und sich von der Effizienz dezentraler Energiesysteme überzeugen.
Um ein Energiedorf auf den Weg zu bringen, brauchen die Akteure Mut und Idealismus.
Große Überzeugungskraft hatte dagegen vor fünf Jahren schon das Geld. Anhand einer Musterrechnung zeigte Solar-Complex den Mauenheimern, dass sie über zwanzig Jahre 30.000 € Heizkosten einsparen könnten. Das war ein Wort. Hinzu kam die Erkenntnis, dass die bezahlten Gelder in die Region flossen und nicht in die Taschen der Ölmultis. Dagegen fruchteten Appelle an das Verantwortung für die Umwelt weniger. Das Gefühl „Wir sind ein Bioenergiedorf“ kam erst auf, als die Anlagen in Betrieb waren. Wie sehr die Liebe für Erneuerbare Energien durch den Geldbeutel geht, weiß auch Wendelin Einsiedler: “Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Anrainer ein Windrad im Sichtfeld ihrer Wohnung richtig schön finden, wenn sie daran Geld verdienen und gleichzeitig etwas für die Umwelt tun.” Deswegen ist der Allgäuer darauf bedacht, nur Gesellschafter aus der unmittelbaren Umgebung von Wildpoldsried als Investoren für seine Windkraftanlagen zu gewinnen. In der Schwarzwälder Gemeinde Freiamt mit rund 4.300 Einwohnern ist das ähnlich. Dort gründeten vor zehn Jahren 150 Bürger eine Betreibergesellschaft zur Finanzierung ihrer ersten Windkraftanlage. Doch das in der Presse oft zitierte „das können wir selbst“ der Freiamter kam nicht von ungefähr, sondern war das Ergebnis langer Überzeugungsarbeit.
Ein gewonnenes Wir-Gefühl sollte nicht dazu verleiten, die Energieautarkie eines Dorfes anzustreben. So kann beim Strom die Energieversorgung aus regenerativen Quellen langfristig nur wirtschaftlich sein, wenn dezentrale Systeme miteinander vernetzt werden. Heute funktioniert die regenerative Stromversorgung meist nur rechnerisch durch Ver- und Zukauf von Strom ins und aus dem Netz. Solange aber die Abstimmung zwischen Produktion und Lastgängen außer Acht gelassen wird, geht diese Rechnung nur auf, wenn die Zahl und Leistung der „Einspeiser“ begrenzt bleiben.
Das Dorf Mauenheim auf der Schhwäbischen Alb hebt sich in Sachen Energie von anderen Orten der Umgebung ab.
Doch alleine die in Deutschland installierten Solaranlagen erzeugen mit einer Gesamtleistung von über 6 GW bereits heute den Strom von fünf Kernkraftwerken. Insofern müssten die Einspeisungen dieser Anlagen heute schon mit anderen Energiequellen abgestimmt werden, wolle man die produzierte Energie optimal nutzen. Wenn die Zahl der Energiegemeinden im ländlichen Raum wächst, wird die Vernetzung der regenerativen Stromerzeugung durch intelligente Systeme unumgänglich. Eine solche Vernetzung ist wiederum nur durch eine koordinierte Zusammenarbeit zwischen lokalen Energieproduzenten und überregionalen Netzbetreibern zu bewältigen.
Akteure vernetzen
Damit wird das Projektmanagement bei dezentralen Systemen komplexer und risikoreicher. Die Beteiligung überregionaler Partner wie Stromkonzerne oder großer Stadtwerke birgt vor allem die Gefahr, dass Bürger den mühsam erworbenen Bezug zu ihrer Energieversorgung wieder verlieren. Dezentrale Energiesysteme nachhaltig und bürgernah zu vernetzen, versucht das Projekt „100%-Erneuerbare-Energien-Regionen“ zu realisieren. Eine der Regionen ist der Landkreis Schwäbisch Hall, wo seit 2009 im Rahmen einer Vorstudie zur „Sozialökologie der Selbstversorgung“ gezielt die organisatorischen Voraussetzungen einer erfolgreichen Projektentwicklung untersucht werden.
Auch die Gemeinde Wildpoldsried im bayerischen Allgäu geht in Sachen Energieversorgung neue Wege.
Wissenschaftliche Unterstützung bekommt der Landkreis Schwäbisch Hall vom Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung in Berlin, von der Universität Hohenheim und vom Zentrum für Erneuerbare Energien (ZEE) der Universität Freiburg. Helmut Wahl, der Leiter des Amtes für Wirtschafts- und Regionalmanagement am Landratsamt Schwäbisch Hall, sagt: „Die größte Herausforderung bei der Vernetzung dezentraler Systeme besteht darin, Akteure zusammenzubringen, die nicht gewohnt sind, miteinander zu arbeiten.“
Start der Entwicklung
Dabei geht es vor allem um eine Kooperation auf Augenhöhe zwischen Energieversorgunsunternehmen, Stadtwerken, Fondgesellschaften, Kleinbetrieben und Bürgern. Eine Zusammenarbeit funktioniert aber nur, wenn die Interessen der Akteure abschätzbar sind. Dies ist im Moment nur im Ansatz möglich, da sich die Energieversorgung im Umbruch befindet und niemand sicher vorhersagen kann, welche Konzepte sich durchsetzen. Sicher ist, dass lokale und dezentrale Energiequellen bei der Versorgung der Zukunft eine entscheidende Rolle spielen.
Ansonsten gilt, was erfahrene Praktiker wie Jörg Dürr-Pucher sagen: „Wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung hin zur regenerativen Energieversorgung und müssen unsere Kenntnisse ständig erweitern, um effizienter zu werden. Dazu brauchen wir möglichst alle Fachkräfte aus Forschung und Praxis.“