Norbert Röttgens Energiekonzept verfolgt hehre Ziele. Minderung von CO2, mehr Erneuerbare Energien und der Bau intelligenter Stromautobahnen. Aber es hagelt Kritik. An vielen Stellen fehlt die klare Strategie.
von Rouven Zietz
Am 29. September schrieb
Umweltminister Norbert Röttgen einen Brief. Die Mitglieder der Fraktionen
CDU/CSU und der FDP im deutschen Bundestag bekamen Folgendes zu lesen:
„Das Energiekonzept (..) ist das anspruchsvollste und konsequenteste
Programm zur Zukunft der Energieversorgung, das es in Deutschland je
gegeben hat.“
Bundesumweltminister Norbert Röttgen vor einem Stahlrohr für Windräder der AMBAU GmbH in Gräfenhainichen, Sachsen (Foto: BMU)
Tatsächlich fanden sogar Umweltorganisationen wie
der WWF lobende Worte für das 39-seitige Dokument. Grund: Zum ersten Mal
geht eine Umwelt- und Energiestrategie über 2020 hinaus. Laut
Energiekonzept soll CO2 um 80 % bis 2050 reduziert werden. 60 Maßnahmen
sollen dazu führen, das die Energiewende in Deutschland bis in 40 Jahren
zu 80 % umgesetzt ist. Das alles klingt sehr ambitioniert und wurde am 28.
September vom Bundeskabinett so verabschiedet. Inklusive eines
Sofortprogramms (siehe Seite 24), das bis zum 31. Dezember 2011 umgesetzt
sein soll.
Kein Grund zur Freude
Die größte Kontroverse im
Energiekonzept ist die Verlängerung der Atomlaufzeiten um durchschnittlich
zwölf Jahre (Seite 25). Diesem Thema widmen die Macher des Konzepts
allerdings nur zwei Seiten. Mehr Aufmerksamkeit bekommt indes die
Windkraft. 2050 soll diese eine entscheidende Rolle bei der Stromerzeugung
spielen. „Dies erfordert einen massiven Ausbau der Windkraftkapazitäten
On- und Offshore,“ heißt es. Für die ersten 10 Windparks auf See soll die
KfW-Bank ein Kreditvolumen von 5 Mrd. € bereitstellen. Um das
Offshore-Volumen bis 2030 auf 25 GW auszubauen, rechnen die Beamten mit 75
Mrd. €. Investitionskosten.
An Land soll das Repowering von alten
Windanlagen weiter forciert werden. Genehmigungen will die Regierung
erleichtern. Gemeinsam mit Kommunen sollen zudem Raumordnungspläne
entwickelt werden, um neue Standorte, vor allem im Süden, zu erschließen.
Das alles versetzt die Windkraftbranche in Euphorie - könnte man meinen.
Doch das Gegenteil ist der Fall. „Wird die Laufzeitverlängerung der
Atommeiler tatsächlich rechtskräftig, bleiben unsere Netze mit Atomstrom
belegt. Investitionen in Windkraft werden ausbleiben. In Sachen
Windenergie wirft die Bundesregierung Nebelkerzen“, sagt Ulf Gerder,
Pressesprecher des Bundesverbandes Wind-
energie. Gerder sagt auch,
dass das Offshore-Ausbauziel 25 GW bis 2030 ans Netz zu bringen, bereits
in fünf Jahren erreicht werden kann. Das alles zeige, wie sehr die
Bundesregierung bemüht sei, das Potenzial der Erneuerbaren
runterzurechnen, um die Platzhirsche Kohle und Atom weiter am Netz zu
lassen.
Vergebliche Suche
Ebenfalls enttäuscht vom Energiekonzept
zeigt sich Kerstin Rippel vom Bundesverband Neuer Energieanbieter. Ihr
Verband sitzt in Berlin und vertritt Unternehmen wie etwa den
Stromanbieter Lichtblick. Die Mitglieder sind alle auf dem Energiemarkt
tätig, aber keiner betreibt sein eigenes Netz. Für dieses Klientel ist
Wettbewerb ein Schlüsselbegriff. Doch dieses Wort hat Kerstin Rippel im
Energiekonzept vergeblich gesucht. „Im Bereich Wettbewerb und neutrale
Netze hat sich die Bundesregierung nicht einmal ein Ziel gesetzt“, moniert
die Pressesprecherin. Dabei sind offene Märkte mit vielen Teilnehmern ein
Grundpfeiler für eine Energiewende mit hoher Wertschöpfung.
Nichts
gesucht, aber lange auf das Energiekonzept gewartet, hat Hildegard Müller
vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. Sie ist dort
Geschäftsführerin, vorher war sie Staatsministerin unter Kanzlerin Merkel.
Aus ihrer Sicht kommt die Kraft-Wärme-Kopplung in dem Dokument viel zu
kurz, genauso wie das Thema Speichernetze. Trotzdem lobt Müller später das
Energiekonzept im Wirtschaftsausschuss des Bundestages. Dazu hatte sie
Schwarz-Gelb als Sachverständige geladen.
Bastian Olzem geht mit
seiner Kritik etwas weiter: Die KWK-Technik wird in dem Papier „nahezu
vollständig übergangen,“ schreibt er. Olzem ist Referatsleiter im Bereich
Politik beim Fachverband Biogas. Ihm sind vor allem die vielen
Widersprüche zum Thema Biomasse und Biogas aufgefallen. Zwar erwähnen die
Beamten explizit an mehreren Stellen Biogas als Energieträger der Zukunft,
etwa als Kraftstoff und Speichermedium für Starkwindzeiten. Gleichzeitig
denkt die Regierung darüber nach, den Biomassesektor weiter zu
reglementieren und die Bonus-Zahlungen für Biogas im EEG einzustellen.
Alternative: Betreiber sollen ihren Strom selbst verkaufen und dafür eine
Marktprämie erhalten. Können sie den Strom nicht veräußern, bleibt ihnen
die Grundvergütung aus dem EEG.
Auffallend an dem Energiepapier
der Regierung ist auch, dass die Photovoltaik kaum eine Rolle spielt. Sie
wird zwar erwähnt, aber nur in Zusammenhang mit den EEG-Umlagekosten, die
es gering zu halten gilt.
Ohne Konsequenzen
Doch neben ihrem - zum
Teil heftige Kritik auslösenden - Plan, die Erneuerbaren Energien für die
Energiewende fit zu machen, setzt die Regierung noch auf eine weitere
Maßnahme, um gefährliche Klimagase zu reduzieren: die Effizienzsteigerung
von Gebäuden. Die Hälfte der Energie hierzulande wird verheizt. Drei
Viertel aller Gebäude wurden vor 1979 gebaut. Maßnahmen auf diesem Gebiet
wurden aber im Vergleich zum Entwurf des Energiekonzepts stark verwässert.
Der Entwurf sah eine Pflicht zur Sanierung aller Altbauten vor. Wer dem
nicht nachkäme, sollte Strafe bezahlen. Doch Mieterverbände liefen Sturm
und somit bleibt es nun bei einer Absichtserklärung mit Förderanreizen.
Bis
2050 soll der Primärenergieverbrauch gegenüber 2008 um 50 % sinken, der
Stromverbrauch um 25 %. In der Industrie herrscht laut Bundesregierung ein
wirtschaftliches Einsparpotenzial von jährlich 10 Mrd. €. So will die
Politik etwa bei der Vergabe öffentlicher Aufträge die Energieeffizienz
rechtlich verankern.
Investitionen von 20 Mrd. € jährlich seien
erforderlich, um „eine der energieeffizientesten und umweltschonensden
Volkswirtschaften der Welt zu werden.“ Bis dahin ist es aber noch ein
langer Weg. Den Bau neuer Kohlekraftwerke zu erlauben, auch ohne dass alte
Kraftwerke vom Netz gehen müssen, konterkariert diese Ziel. Bemerkenswert
ist auch, dass die Regierung in ihren Szenarien stark auf den
Energieimport setzt - dann aber bitte CO2-neutral.
von Rouven Zietz
Das Energiekonzept der
Bundesregierung hält nicht, was es verspricht. Die größten Profiteure der
„revolutionären Energiewende“ sind E.on, RWE, Vattenfall und ENBW. Die 17
Atommeiler in Deutschland sollen länger laufen. Dies spült kräftig Geld in
die Kassen der Konzerne. Zwar fordert die Regierung ein Stück vom Kuchen,
doch dieses Stück wird nicht reichen, um einerseits den Finanzminister zu
beglücken und andererseits den Ausbau der Erneuerbaren zu finanzieren.
Das
Öko-Institut hat errechnet, dass die vier Energieriesen gerade mal 230
Mio. € jährlich in den nächsten zehn Jahren an einen Ausbaufonds einzahlen
müssten. Das ist zuwenig. Einen Strukturwandel kann Schwarz-Gelb damit
nicht stemmen. Die Regierung setzt bei der Windkraft auf die Mühlen in
hoher See. Das kostet viel Geld und noch viel Erfahrung, bis verlässlich
Strom ans Festland geliefert werden kann. Auch hier haben E.on, RWE und
Co. ein leichtes Spiel.
Investitionen in Offshore-Anlagen sind teuer.
Leisten können sich dies nur finanzkräftige Unternehmen. Der normale
Bürger bleibt außen vor. Potenziale der Erneuerbaren rechnet die Regierung
bewusst klein. Einen leichteren Zugang zu Netzen und damit verbunden eine
Stärkung der Kontrollorgane sieht das Konzept nicht vor. Das ist alles
sehr ärgerlich. Denn damit verpassen
Merkel und ihre Minister eine große
Chance.
Eine wahrhaft konsequente Energiewende würde bedeuten, die
Marktchancen für kleine und mittlere Unternehmen massiv zu stärken.
Dezentrale Strukturen mit vielen Investoren am besten aus der Region wären
der richtige Weg. Somit stiege die Akzeptanz bei Projekten vor der eigenen
Haustür und auch die Demokratie könnte profitieren.