Donnerstag, 17.05.2012
An Profil gewinnen
Erneuerbare Energien genießen einen guten Ruf. Umfragen machen klar: Die Deutschen sind für den Ausbau von Solar, Biogas und Windkraft. Kommunale Stadtwerke haben das erkannt. Sie investieren in Erneuerbare, um langfristig Kunden an ihr Unternehmen zu binden.
von Rouven Zietz
Investieren Energieversorger in Solar, winkt eine lukrative Förderung.
In Gemeinschaft fällt vieles leichter - wahrscheinlich auch das Lernen. Und danach sich austauschen, zusammen Essen und Feiern. Gezeltet wird auf der Wiese vor der Mensa: Die Fachhochschule Aachen veranstaltet in diesem Sommer bereits zum 26. Mal die „Summer School Renewable Energy“ und bietet Studenten aus ganz Deutschland die Möglichkeit, am Solar-Institut Jülich mehr über Regenerative Energien zu erfahren. Die Veranstaltung kostet 250 €. Um die Studenten nicht weiter zu belasten, gibt die Fachhochschule Aachen ihre Grünflächen zum Campen frei und empfiehlt den Studenten die „Gemeinschaft zu genießen.“
In den 14 Seminartagen steht auch ein Besuch beim Solarthermischen Kraftwerk der Stadtwerke Jülich auf der Agenda. Ein Höhepunkt. Denn ein Solarthermie-Kraftwerk gibt es in Deutschland nur einmal. Auf einer Fläche so groß wie ein Fußballfeld sind 2.153 Spiegel installiert. Jeder einzelne 8 m² groß. Die Spiegel folgen dem Lauf der Sonne, lenken das Licht auf die Spitze eines Turms und bündeln es in knapp 60 m Höhe. Die dort 700° C heiße Luft wird dann in einem Wärmetauscher zur Dampferzeugung genutzt. Das Prinzip des Dampfkraftwerks funktioniert wie ein konventionelles. Der erzeugte Gasstrom aus fossiler Feuerung mit Gas, Öl und Kohle wird einfach durch die solare Feuerung ersetzt.
Zukunft statt Strom
Immer mehr Stadtwerke setzen auf Erneuerbare Energien.
Doch um nachhaltigen Strom zu erzeugen, braucht es
neben Technik noch weitere Komponenten: vor allem Sonne. Die
30.000-Einwohner-Stadt Jülich liegt im Kreis Düren in
Nord-rhein-Westfalen, nur unweit von der holländischen Grenze entfernt.
Die Sonnenerträge in dieser Region sind nicht schlecht, aber auch nicht
so, dass Strom im Überfluss produziert werden könnte. Das
Solarthermie-Kraftwerk erbringt eine Leistung von 1,5 MW. Im
Deutschlandfunk sagte der Geschäftsführer der Stadtwerke Jülich, Ulf
Kamburg: „Während des laufenden Betriebs werden wir das Kraftwerk nicht
refinanzieren können.“
Insgesamt kostete der Bau des ersten
Solarthermie-Kraftwerks rund 23 Mio. €. Die Stadtwerke Jülich stemmten
davon allein 12 Mio. €. Der Rest wurde von Forschungsetats aus Bund und
Ländern finanziert. So richtig Geld verdienen können die lokalen
Energieversorger erst, wenn in 25 Jahren das Kraftwerk abgerissen und
das Grundstück verkauft wird. Doch vorher sollen Techniker und Forscher
das Kraftwerk nutzen, um die deutsche Solartechnik voranzubringen. Doch
es gibt noch einen weiteren, wichtigen Grund, warum sich die Stadtwerke
für die Investition in ein Solarthermie-Kraftwerk entschieden haben: der
Imagegewinn.
Anders aufgestellt
Gezeigt: Der Ex-Oberbürgermeister von Mühlacker, Arno Schütterle, ließ sich gerne an der stadteigenen Biogasanlage ablichten.
9.000 Kunden beziehen Gas, 6.000
Energienutzer zahlen für den Stadtwerke-Jülich-Strom. „Kunden halten uns
auch deswegen die Treue, weil wir bereit sind, in solche Projekte zu
investieren,“ sagt Kamburg. Neben den vielen Förderungen, die lokale
Energieversorger beim Bau einer Biogas- oder Solaranlage einnehmen
können, spielt die öffentliche Wahrnehmung eine zentrale Rolle.
Gegenüber den mächtigen Energieriesen können sich die kleinen
Energieversorger durch gezielte, regionale Investitionen in Erneuerbare
Energien hervorheben. Im Idealfall honorieren die Kunden die
Unternehmenspolitik mit der Treue zum heimischen Stadtwerk. „Seit rund
zehn Jahren investieren Stadtwerke verstärkt in Erneuerbare Energien.
Die Kundenbindung ist dabei ein sehr wichtiges Argument“, sagt Antje
Spindler von Eurosolar, der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare
Energien.
Im Mai letzten Jahres hat Eurosolar mit ihrem prominenten Präsidenten,
Hermann Scheer, die 4. Konferenz „Stadtwerke mit Erneuerbaren Energien“
in München organisiert. „Kommunale und regionale Stadtwerke werden
Träger der künftigen dezentralen Energieerzeugung aus regenerativen
Quellen sein,“ lautete das Fazit der Veranstaltung. Über
Handlungsoptionen und Finanzierungsmodelle wurde auf den beiden
Kongresstagen informiert. Es kamen über 200 Teilnehmer nach München, die
sich auch über Konzepte zur Energie-Vollversorgung mit Regenerativen
Quellen ihre Gedanken machten. „Die dezentrale Energieversorgung ist für
viele Bürger weiterhin ein wichtiges Thema,“ sagte ein Teilnehmer.
Stadtwerke erkennen darin ihre Chance.
Klares Ziel anvisiert
Die
Münchner Stadtwerke (SWM) etwa wollen bis 2015 alle Münchner
Privathaushalte mit Strom aus Erneuerbaren Energien versorgen. Bis 2025
soll soviel regenerativer Strom ins Münchner Netz eingespeist werden,
dass auch alle Gewerbebetriebe samt den Privathäusern mit grünem Strom
versorgt werden können. Die SWM geben sich optimistisch und halten ihre
ambitionierten Ziele für realistisch. Doch neben dem guten Willen wird
auch die Energiepolitik der nächsten Jahre über das Gelingen eines
solchen Projektes entscheiden.
Laut einer aktuellen Umfrage des
Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU) genießen Stadtwerke im Vergleich
zu Politikern ein hohes Maß an Vertrauen in der Gesellschaft. Laut
Studie bewerten 92 % der Befragten ihr Stadtwerk als zuverlässig. 91 %
sind mit der Gesamtleistung kommunaler Unternehmen zufrieden. Die Studie
machte zudem deutlich, dass das Umweltbewusstsein der Kunden vor Ort
weiter zunimmt. Nicht nur aufgrund aktueller Katastrophen, wie das
Öldesaster am Golf von Mexiko, wünschen sich die Befragten mehr
Engagement im Bereich Umwelt- und Klimaschutz von ihren heimischen
Stadtwerken. Ein Großteil der Befragten will, laut Umfrage, trotz
höherer Preise von einem kommunalen Unternehmen mit Energie versorgt
werden.
Richtige Antworten
Ein lokaler Versorger, der sich diesen
Trend ebenfalls zu nutzen machte, sind die Stadtwerke Mühlacker. Die
25.000 Einwohner zählende Kreisstadt liegt in Baden-Württemberg zwischen
Stuttgart und Karlsruhe. Bereits heute werden 80 % des kommunal
erzeugten Stroms in Mühlacker aus Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen gewonnen.
Zudem bauten die lokalen Energieversorger aus dem Enzkreis 2007 eine
Biomethananlage mit einer Leistung von 2 MWel.
Bis heute ist sie mit
einer jährlichen Aufbereitungskapazität von ca. 4,4 Mio. Nm3 Biomethan
in Erdgasqualität eine der größten Anlagen im Südwesten. Zu 60 % kommt
Mais zum Einsatz. Die restlichen Substrate sind Gras und Getreide, „das
nicht zur Nahrungsproduktion verwendet wird,“ wie der Geschäftsführer
der Mühlacker Stadtwerke, Jürgen Meeh, im joule-Interview klarstellt.
Auch auf die Entfernungen der gelieferten Substrate legen die Stadtwerke
Mühlacker Wert. Die meisten Rohstoffe stammen aus einem Umkreis von 10
km von hiesigen Landwirten. In Sachen Klimaschutz wäre eine negative
CO2-Bilanz, verursacht durch weite Wege, kontraproduktiv. Schließlich
soll der Einsatz fürs Klima ins Marketing integriert werden. So
berichten die Mühlacker Energieversorger regelmäßig über ihre
Biomethananlage in der eigenen Kundenzeitschrift.
Frische Dimensionen
Doch Stadtwerke, wie auch die Energiemacher aus Mühlacker,
investieren nicht nur in regionale Energie-Projekte, sondern sind auch
in der Nordsee aktiv. 15 Stadtwerke planen gemeinsam an einem
Offshorepark vor Borkum mit einer Leistung von 400 MW. Über die
Strategien der Stadtwerke diskutieren die Studenten vielleicht auch auf
dem Sommerkurs. Dann aber bestimmt beim Abendessen - auf der Wiese vor
der Mensa.
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