Energieversorgung | Isländischer Strom ist zu 100 % regenerativ. Wasser- und Geothermiekraftwerke in allen Größen erzeugen weit mehr, als das Land verbrauchen kann. Also sucht man nach möglichst energiehungrigen Verbrauchern. Was wie ein Luxusproblem klingt, spaltet aber die recht umweltbewusste Nation.
von
Catrin Hahn
Vielleicht das für den Touristen deutlichste Indiz dafür, dass die Isländer ein bisschen anders sind als alle anderen, findet sich beim Autofahren. Da kommt es schon mal vor, dass eine Straße plötzlich ohne ersichtlichen Grund einen ausgiebigen Schlenker macht. Dann hat der im Ministerium angestellte Verantwortliche für Elfen und verborgene Menschen die Staßenroute verlegen lassen, weil dort Elfen wohnen.
Das Hellisheiði-Geothermie-Kraftwerk produziert Strom und Warmwasser für Islands Südwesten (Bild: Catrin Hahn)
Okay, das klingt vollkommen bescheuert. Ich muss aber zur Verteidigung der Isländer anführen, dass auch mir angesichts dieser unfassbar großartigen Natur - die einen überdeutlich spüren lässt, dass man ein Nichts ist und nur geduldet - der Gedanke an Elfen plötzlich nachvollziehbar und sogar ein bisschen tröstlich erschien ...
Strom sucht
Verbraucher
In vielen anderen Lebensbereichen sind die Isländer jedenfalls weitaus pragmatischer. Da wäre zum Beispiel das Thema Energie. Davon ist endlos viel vorhanden und sie ist derartig erneuerbar, dass einem manchmal Hören und Sehen vergeht. Seit Jahrhunderten nutzen die Isländer die vulkanische Aktivität und die Wasserkraft. Insofern ist eine Reise durchs Land auch sehr lehrreich im Hinblick auf ingenieurstechnische Leistungen.
Heute ist die Stromerzeugung im Land vollständig regenerativ: Gut 70 % kommen von etwa 40 Wasserkraftwerken. Überwiegend sind das Laufkraftwerke, etwa ein Fünftel sind Speicherkraftwerke, die vor allem zur Deckung von Spitzenlasten dienen.
Den restlichen Strom produzieren sieben Geothermiekraftwerke.
Beheizte Gehwege
Außerdem versorgen die Geo-thermiekraftwerke 90 % aller isländischen Haushalte mit Heizung und Warmwasser. So kommen auf das Konto der Erdwärme 41,7 PJ - 60 % der Primärenergie.
Einer der unwiderstehlichsten Vorteile der Geothermie ist ihr attraktiver Preis. Der ist so günstig, dass sich die Isländer ihren harten Lebensalltag durchaus zu versüßen wissen: Wo sonst kann man sich beheizbare Gehsteige vorstellen? Vielleicht noch in Kanada, aber da hat man ja gleich die Hochhäuser mit Glasgängen in zehn Meter Höhe untereinander verbunden.
Wirklich beeindruckend für den deutschen Besucher - der von zuhause gewöhnt ist, dass jede Art Industrie verschämt irgendwo versteckt wird - ist der Umgang mit den Kraftwerken. Die neueren haben eigene Internet-auftritte, es gibt Installationen von Künstlern in und um die Anlagen, und viele haben ein Besucherzentrum, wo Ausstellungen und Rundgänge über Energieerzeugung und ihre Geschichte informieren.
Zum Beispiel beim Hellisheiði-Kraftwerk. Es liegt auf einer Hochebene in Südwestisland mit zwei aktiven Vulkanen und benutzt die Energie des Zentralvulkans Hengill. Das Werk wurde stufenweise ausgebaut: 2006 gingen zwei Turbinen mit je 45 MW ans Netz, im November 2007 eine 33 MW-Niederdruckturbine und ein Jahr später zwei weitere 45 MW-Turbinen. Vor wenigen Wochen, im Oktober 2011, wurden die letzten zwei 45 MW-Turbinen in Betrieb genommen. Nun liefert das Kraftwerk 303 MW Strom und 133 MW warmes Wasser für den Südwesten der Insel. Auf das architektonisch interessante Verwaltungsgebäude wird der Reisende mit Straßenschildern hingewiesen. Darin befindet sich eine Ausstellung, in der man zum Beispiel erfährt, dass die tiefsten Bohrlöcher in Island 4.000 m tief sind und dass das Pfeifen eines ungedämmten Bohrloches für Menschen nicht auszuhalten ist. Hveragerði, eine Stadt mit 2.315 Einwohnern (jawohl, damit ist man in Island schon Stadt), liegt hinter dem nächsten Hügelrücken und teilt sich das Hochtemperaturgebiet mit dem Kraftwerk. Die Stadt ist sozusagen der „grüne Daumen“ Islands. Seit vielen Jahrzehnten gibt es hier Erdwärme-beheizte Gewächshäuser, in denen Gemüse und Zierpflanzen wachsen.
Hier wachsen Gurken, Tomaten und Paprika. Dank billigen Stroms und warmem Wasser kann Island seinen Gemüsebedarf annähernd selbst decken. Es gibt sogar eine Hochschule für Gemüseproduktion unter polaren Bedingungen (Bild: Catrin Hahn).
Bananen am Polarkreis
Andere Kraftwerke sorgen gleich mal für touristische Highlights, wie das Svartsengi-Kraftwerk: Aus seinem „Abwasser“ besteht die Blaue Lagune - eines der Wahrzeichen Islands und als Wellness- und Kur-Oase weltweit bekannt. Das Kraftwerk produziert 76,5 MW elektrische Leistung in Dampfturbinen und knapp 500 Liter/Sek. 90°C heißes Wasser im Wärmeaustauschverfahren, da das ursprüngliche Wasser zu viel Salze und Mineralien enthält. Die wiederum sind gut für die zahlungskräftigen Badegäste aus aller Welt. Das ist doch mal eine Wertschöpfungskette!
Wie geht man nun um mit so viel Energie? Stromleitungen nach Europa waren bislang technisch nicht machbar, inzwischen wird ernsthaft darüber nachgedacht. Die heute verfolgte Alternative - möglichst energiefressende Industrien anzusiedeln, z.B. Aluminiumwerke - stößt aus Umweltschutzgründen nicht überall auf Gegenliebe. Immer lauter werden die Diskussionen, ob und wie viele Eingriffe ins hochempfindliche polare Ökosystem tolerabel sind - wenn man etwa einen Wasserfall in ein Kraftwerk zwängt, einen Fluss aufstaut, ein Geothermie-Kraftwerk oder eine Aluminiumhütte baut.
Die im Jahr 2000 angekündigte „Wasserstoffwirtschaft“ - eine Energiewirtschaft, in der auf allen Ebenen mit Wasserstoff gehandelt und produziert wird - steht seit Islands tiefer Krise im Jahr 2008 eher auf wackeligen Füßen. Das allerdings könnte die Lösung für das Luxusproblem mit zuviel Energie sein: umweltfreundlich hergestellter Wasserstoff, der als Energieträger gut gespeichert und transportiert werden kann. Damit könnten wahrscheinlich auch die Elfen und verborgenen Menschen ganz gut leben...
Insel der Extreme
Geografie und Bevölkerung:
Island hat ca. 100.250 km² Landfläche (Deutschland: knapp 350.000) und ist nach Großbritannien der zweitgrößte Inselstaat Europas, knapp südlich vom nördlichen Polarkreis im Nordatlantik gelegen. Die größte Vulkaninsel der Erde ist relativ dünn besiedelt: Auf 40 km² befinden sich im Schnitt zwei bis vier Häuser, die durchschnittliche Bevölkerungsdichte liegt bei 3,1 Menschen/m2 (zum Vergleich: Deutschland 231, München 4.300). Allerdings leben 93 % der 320.000 Einwohner in Städten. Allein im Großraum Rekykjavik leben knapp 40 % aller Isländer. Das Hochland im Zentrum der Insel ist nahezu unbewohnt. Island liegt auf dem Mittelatlantischen Rücken und damit sowohl auf der Nordamerikanischen als auch auf der Eurasischen Platte. Die Platten entfernen sich jährlich etwa 2 cm voneinander. Gletscher bedecken 11 % der Landesoberfläche, der größte von ihnen ist Vatnajökull, Europas Gletscher mit der größten Eismasse. Seine Eiskappe ist bis zu 1.000 m dick. Die Landschaft ist einerseits durch die 31 Vulkansysteme geprägt, andererseits auch durch den Wasserreichtum. Es gibt zahlreiche Flüsse, Seen und Wasserfälle, darunter mit dem Dettifoss der energiereichsten Wasserfall Europas. Die höchste Erhebung ist der Hvannadalshnúkur mit 2110 m.
Geschichtliche Eckdaten:
Die Besiedelung begann etwa im 7. Jahrhundert, die eigentliche Landnahme setzte um das Jahr 875 ein: Auswanderer aus Norwegen, deren keltische Sklaven und Dienstleute kamen ins Land. Um 930 lebten schon rund 60.000 Menschen auf Island. In diesem Jahr tagte erstmals das isländische Parlament, das Althing, eine Versammlung von freien Bauern und Goden (reiche Herrscher). Es war für Gesetzgebung und Rechtsprechung zuständig und damit das erste und heute noch bestehende Parlament Nordeuropas. Island ist seit 1944 eine unabhängige parlamentarisch-demokratische Republik. (Quelle: wikipedia)