Die kommunale Wertschöpfung in Rheinland-Pfalz und im Saarland ist ein großes Thema. Dabei können die Länder einerseits schon auf langjährige Projekterfahrung zurückgreifen. Andererseits werden ständig neue Projekte angestoßen.
von Friedericke Krick
Die juwi Holding gehört zu den Stars der Energieszene. Matthias Willenbacher, Firmengründer und Vorstand der juwi Holding im rheinhessischen Wörrstadt, ist der festen Überzeugung, dass einem Umstieg auf 100 % Erneuerbare Energien (EE) bis 2030 technisch nichts im Wege steht. Mit dieser Ansicht steht er nicht alleine. Die Unternehmen und Verbände der Erneuerbare-Energien-Branche prognostizieren in ihrer Studie „Stromversorgung 2020“ einen Anteil von 47 % Strom aus Wind- und Sonnenergie, Biomasse, Wasserkraft und Geothermie am deutschen Stromverbrauch im Jahr 2020.
Zukunft vor der Haustür
In Wörrstadt selber hat der Global Player juwi ein beispielhaftes Konzept einer dezentralen Stromerzeugung auf der Basis Erneuerbarer Energien umgesetzt. Nahe dem Firmensitz produzieren fünf Windkraftanlagen sowie eine Photovoltaik-Freiflächenanlage mehr als 35 Mio kWh Strom im Jahr. Es ist geplant, die Gemeinde Wörrstadt ab 2017 zu 100 % mit Strom aus Erneuerbaren Energien zu versorgen. Willenbacher verweist in seinem Statement auch auf den großen sozialen Effekt Erneuerbarer Energien. „Es gibt keinen anderen Weg als die hundertprozentige Versorgung mit Erneuerbaren Energien. Nur so wird es möglich, dass Energie überall auf der Welt für alle verfügbar ist.“ Er kritisiert den aktuellen Kurs der Energiepolitik. Längere Laufzeiten für die Atomkraftwerke würden die Entwicklung der Erneuerbaren unnötig verlangsamen. „Das Rad ist aber nicht mehr zurückzudrehen, weltweit entstehen neue Märkte. Sehr bedauerlich wäre es jedoch, wenn unnötige Verzögerungen den Vorbildcharakter Deutschlands bei den Erneuerbaren gefährden würden.“ In Wörrstadt hat das Erneuerbare-Energien-Zeitalter bereits begonnen. Markus Conrad, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Wörrstadt, ist froh darüber, dass keine andere Gemeinde vor zehn Jahren die Weitsicht hatte, das noch unbekante Unternehmen juwi, an sich zu binden.
Magnet für Jüngere
Ohne juwi stünde die Gemeinde Wörrstadt aber heute nicht da, wo sie ist. Dabei hat die kommunale Wertschöpfung für Conrad viele Gesichter. „Stabile Strompreise, nicht unerhebliche Einnahmen aus der Gewerbesteuer aufgrund der rasanten juwi Entwicklung, Einnahmen aus der Stromerzeugung sowie Wegenutzungsgebühren und Pachteinnahmen“, erklärt Conrad. Darüber hinaus seien im EE-Bereich äußerst interessante Arbeitsplätze in der ländlichen Region Rheinhessens entstanden. Rund 700 der weltweit mehr als 950 juwi-Beschäftigten arbeiten in
Matthias Willenbacher, Vorsitzender der juwi Holding: Es gibt keinen anderen Weg als die 100 % Versorgung mit Erneuerbaren Energien.
der Firmenzentrale in Wörrstadt. Meist sind es junge, hochqualifizierte Männer und Frauen, die sich zunehmend auch in der Gemeinde niederlassen und somit zur positiven Gemeindeentwicklung in vielerlei Hinsicht beitragen. Neben dem Wind spielt die Sonne eine große Rolle im Wörrstädter Energiekonzept. Die Verbandsgemeinde verpachtet Dächer zur Photovoltaik-Nutzung. Die jüngsten Projekte wurden in nur wenigen Wochen geplant, um die Anlagen noch vor der anstehenden Kürzung der Solarförderung in Betrieb nehmen zu können. Die Dächer der Schulsporthalle in Saulheim mit 85,8 kWp sowie der Grundschule in Wörrstadt mit 46,2 kWp gehören dazu. „Im Gegenzug erhält die Verbandsgemeinde als Pachtzahlung die erste eigene PV-Anlage mit 13,2 kWp auf dem Dach der Feuerwehr in Wörrstadt“, sagt Conrad. „Die erwarteten Erlöse belaufen sich in den ersten 20 Jahren schätzungsweise auf rund 95.000 €.“
Entschlusskraft gefragt
Weiterhin trage die Verbandsgemeinde mit ihrer langfristigen und nachhaltigen Investition erheblich zur Verbesserung der Ökobilanz ihrer Objekte bei. Allein mit der Verbandsgemeinde eigenen PV-Anlage auf dem Dach der Feuerwehr würden jährlich rund 8,5 t an klimaschädlichem CO2 eingespart. Insgesamt sei eine Einsparung von circa 85 t CO2 geplant. „Nachdem wir zunächst in die Stromerzeugung durch die Inbetriebnahme eines BHKW an der Gesamtschule in Saulheim eingestiegen waren, wollen wir nun die Erzeugung Erneuerbarer Energie durch eigene Anlagen weiter voran bringen. Als nächsten Schritt werden wir eine weitere größere Photovoltaikanlage auf den Dächern der Kläranlage in Saulheim installieren“, erläuterte Conrad.
Weniger spektakulär, aber nicht minder effizient, präsentiert sich die Gießerei Heger Ferrit in pfälzischen Sembach. Das Unternehmen produziert dort in einer neuen und hochmodernen Gießerei in Kleinserien acht bis zehn Tonnen schwere Gussteile für Windkraftanlagen. Der größte deutsche Windkraftanlagenhersteller Enercon hat langfriste Verträge mit Heger Ferrit geschlossen. Die Kapazität liegt bei 30.000 t Guss pro Jahr. Mit einem neuen logistischen Produktionskonzept konnte der Energieeinsatz gegenüber herkömmlichen Gießereien um 200 kWh pro t erzeugtem Guss reduziert werden. Die regionale Wertschöpfung findet in Sembach in erster Linie über die Gewerbesteuer und die Mitarbeiter statt. „In unserem strukturschwachen Raum sind neue Arbeitsplätze entstanden und wir haben seit 2009 bereits 400.000 € an Lohnsteuer und 770.000 € Sozialabgaben für unsere 72 Mitarbeiter abgeführt“, rechnete Geschäftsführer Johannes Heger vor.
Aufholjagd im Saarland
Erneuerbare Energien voranbringen will auch die saarländische Ministerin für Umwelt, Energie und Verkehr, Dr. Simone Peter. „Das Kohleland Saarland setzt zukünftig verstärkt auf Windenergie“, erläutert die Ministerin. „Und die Landesregierung wird einen Masterplan Energie vorlegen, in dem keine Planungen mehr für fossile Großkraftwerke vorgesehen sind. Bis
Simone Peter, Saarländische Umweltministerin: Keine Planungen mehr für fossile Großkraftwerke.
2050 streben wir eine CO2-Reduktion von 80 % an.“ Für Simone Peter ist Windenergie flächendeckend möglich, auch Wälder dürften hier nicht ausgenommen werden. „Wir werden Ausschlussregelungen für die Kommunen kurzfristig aufheben. Förderprojekte für die Kommunen sind ebenso geplant wie der Aufbau einer Energieagentur. Im Kreis Saarlouis haben wir damit begonnen, ein Solarkataster der Dachflächen zu erstellen. Erneuerbare Energien entwickeln sich mehr und mehr zum Selbstläufer“, ist sich die Ministerin sicher. Und sie ergänzt: „Auch wenn das Saarland derzeit im Länderranking noch den letzten Platz belegt, besitzen wir dennoch eine hohe Energiekompetenz. Der Strukturwandel weg von der Kohle ist in vollem Gange.“
Ein Paradebeispiel auf diesem Weg ist Vensys Energy AG in Neunkirchen, ein wichtiger Stahl- und Kohlestandort im Saarland. Das Unternehmen entwickelt und stellt eigene getriebelose Windenergieanlagen sowie eigene Komponenten (Umrichter- und Pitchsysteme) und vertreibt ihr Know-how auch in Form von Lizenzen.
Arbeitsplätze vor Ort
So konnten im Jahr 2003 Goldwind (China), 2004 Eozen (Spanien), 2007 Regen Powertech (Indien) und Enerwind / Impsa Wind (Brasilien) als Partner von Vensys gewonnen werden. Vensys-Windenergieanlagen finden sich damit in allen wichtigen Wachstumsmärkten der Welt. Für Jürgen Rinck, Vorstandsvorsitzender der Vensys Energy AG, ist die Windenergie die Energie mit dem größten Potenzial. „Erneuerbare Energien sind wesentlich flexibler als Atomstrom. Für die Zukunft kommt es darauf an, noch bessere Speichertechnologien, intelligente Netze und flexible Energiekonzepte zu entwickeln, um die Stromnachfrage zu jedem Zeitpunkt bedarfsgerecht decken zu können.“
Jürgen Rinck, Vorstandsvorsitzender der Vensys Energy AG: Es kommt darauf an, flexible Energiekonzepte zu entwickeln.
Seit der Gründung von Vensys im Jahr 2000 sind in Neunkirchen 82 neue Arbeitsplätze entstanden. Das hat der Gemeinde auf ihrem Weg zu einem Dienstleistungsstandort gut getan. Sie würde gerne gemeinsam mit Vensys eine kleine Windkraftanlage bauen. Hier befindet man sich aber erst in der Planungsphase. Die Energielandschaft Morbach im Hunsrück hingegen hat ihre Bewährungsprobe bereits bestanden. joule hat die Energielandschaft im vergangenen Jahr vorgestellt. Aktuell ist in Morbach gemeinsam mit juwi der Bau einer zweiten Biogasanlage geplant. In der Anlage soll später Terra Preta mit Produktnamen Palaterra produziert werden. Terra Preta ist eine anthropogenen Schwarzerde aus dem Amazonasbecken, die inzwischen im modernen, großtechnischen Maßstab über die Biogasanlage hergestellt werden kann.
Bürgermeister Gregor Eibes äußert sich sehr zufrieden über die Entwicklung der Energielandschaft. „Bereits 2008 haben wir das „Morbacher Leitbild 2020“ beschlossen: Ziel für die 11.000-Einwohner-Gemeinde ist, bis zum Jahr 2020 zu 100 % energieautark auf Basis erneuerbarer Energien zu werden und den CO2-Ausstoß vom Bezugsjahr 2000 bis zum Jahr 2020 um 50 % zu senken.“
Ein ganz junges Projekt im Hunsrück ist der Nahwärmeverbund „Auf dem Füllkasten“ in Simmern. Zukünftig wird das Schulzentrum mit der neu installierten Heizanlage auf der Basis von Abfallbiomassen versorgt. Der Wärmebedarf für insgesamt zwölf kommunale Gebäude soll damit gedeckt und die Energieversorgung des Schulzentrums langfristig auf eine sichere und nachhaltige Basis gestellt werden. Die Anlage hat mit der Nutzung von Abfallbiomassen für Rheinland-Pfalz Pilotcharakter.
In dem neuen Heizwerk wird Pflanzenmaterial wie Grünschnitt, Landschaftspflegematerial und Schwachholz mit hoher thermischer Effizienz und zugleich kostensparend genutzt. Damit sollen jährlich 3.000 t des klimaschädlichen CO2 eingespart werden. Insgesamt werden an die 1,9 Mio. € für die Wärmeversorgung auf Biomasse-Basis investiert.
Außerdem wurde für 870.000 € ein Aufbereitungsplatz auf dem Gelände der Kreismülldeponie in Kirchberg errichtet. Da bei der Aufbereitung des Baum- und Strauchschnittes neben rund 40 bis 60 % Brennstoff auch 30 % Kompost erzeugt werden, steht dieses Projekt für ein regionales Energie- und Stoffstrommanagement. Damit verbleibt die Wertschöpfung aus den regional vorhandenen Bioabfallströmen in der Region. Durch die Nutzung natürlicher Ressourcen werden neue Arbeitsplätze geschaffen.
„Im Rhein-Hunsrück-Kreis entstehen jährlich Gesamtenergiekosten von rund 200 Mio. €. Über eine Effizienzsteigerung von nur einem Prozent erzielen wir demnach eine jährliche Entlastung von 2 Mio. €“, erläutert Landrat Bertram Fleck.
„Das bedeutet: Ein Prozent fossilen Energiebedarf durch regionale Stoffströme ersetzen bedeutet 2 Mio. € regionale Wertschöpfung im Jahr. Diese Potenziale werden aber noch bei weitem nicht ausgeschöpft. Der Nahwärmeverbund „Auf dem Füllkasten“ setzt deshalb ein wichtiges Zeichen.“