Die Agrargenossenschaft Wesenitztal aus Sachsen ist ein landwirtschaftliches Unternehmen, das selbst erzeugtes Rapsöl als Kraftstoff für Landmaschinen und ein BHKW verwendet. Landwirte im Fläming wollen die Rapsveredlung zusätzlich bis zur Vermarktung als Speiseöl aufbauen und so eine deutlich höhere Wertschöpfung als mit dem Verkauf der Marktfrüchte erzielen.
von Jörg Möbius
Zwei Brüder, eine Vermarktungsfirma: Ronny (links) und Tino Ryll wollen über ihre Fläminger Genussland GmbH Sanddornprodukte - wie hier Likör -, Rapsöl und weitere Produkte vermarkten.
Reichlich 50 Kilometer südlich von Berlin in der Gemeinde Niederer Fläming im Ortsteil Reinsdorf bewirtschaftet Norbert Ryll einen 600-ha-Marktfruchtbetrieb. Frühzeitig hat er die Söhne Ronny und Tino an den Betrieb herangeführt. Neben dem Anbau der üblichen Feldfrüchte haben sie gemeinsam nach Alternativen Ausschau gehalten. So wurde 2004 eine Sanddornplantage angelegt, außerdem weiden Mutterkühe auf den Grünlandflächen des Betriebes. „Wir wollen damit die Abhängigkeit von Marktfrüchten alleine -reduzieren. Denn sowohl beim Einkauf von Saatgut und
Pflanzenschutz als auch bei der konventionellen Vermarktung der Rohstoffe an große Aufkäufer besteht eine große Abhängigkeit von deren Preispolitik, die sie aufgrund ihrer Marktmacht ausspielen können“, begründet Ronny Ryll die Suche nach Alternativen. Gezielt haben die jungen Männer während ihrer Ausbildung Themen für ihr Unternehmen bearbeitet. Tino hat an der Fachhochschule Bernburg den Abschluss als Diplomagrar-ingenieur abgelegt und sich intensiv mit der Ölgewinnung aus Raps und vor allem mit der Vermarktung des Öles beschäftigt. Ronny hat die Fachhochschule Dresden ebenfalls als Diplom-agraringenieur abgeschlossen. Er kümmert sich um den Sanddorn und die Mutterkühe.
Veredlung im eigenen Unternehmen
Mit dem väterlichen Betrieb im Hintergrund bauen die beiden jungen Männer die Veredlung der landwirtschaftlichen Produkte auf und haben mit dem Unternehmen Fläminger Genussland eine GmbH für die Vermarktung gegründet. Sie setzen damit bewusst auf Qualität, Regionalität und sprechen nicht den Discountmarkt an. So ging es während unseres Gespräches auch nicht darum, wie der Raps angebaut wird. Das können sie, 400 bis 500 t Raps werden jährlich von 150 bis 200 ha geerntet.
Jedes Rundsilo fasst 300 Tonnen Raps.
Seit der Ernte 2010 wird der Raps in vier je 300 t fassenden Rundsilos, die in einer neu errichteten Halle mit der restlichen Ausrüstung für die Ölgewinnung stehen, gelagert. Planung und Bau der Anlagentechnik für Lagerung und Ölgewinnung haben die Rylls an Ralf Heise vergeben. Er ist Energieberater und betreibt sein Büro im brandenburgischen Oderaue. Seit einigen Jahren hat er sich u.a. auf Anlagen zur Pflanzenölgewinnung spezialisiert. „Je nach gewünschtem Durchsatz und Automatisierungsgrad liefern wir passende Anlagen“, erklärt er. „Die Pressen des Herstellers Screw Press haben sich bewährt, für die Reinigungs-, Förder- und Silotechnik hat sich eine gute Zusammenarbeit mit Neuero eingespielt.“
Über den drei Ölpressen steht das Puffersilo mit 6 t Kapazität, daunter ist der Öl-Sammelbehälter.
Neben der Halle ist eine leistungsfähige Schüttgosse eben-erdig installiert. Über einen Windsichter wird der Raps in die Silos eingelagert. Am Hallengiebel ist außerhalb ein Lagersilotrockner mit 100 t Kapazität errichtet.
Verfolgt man den Weg des Rapses vom Silo weiter, geht es über die Stationen Zwischenlager (70 t), Trommelsiebreiniger, Puffersilo (6 t) zu den drei Lochseiherpressen mit reichlich 1.000 l Tagesleistung. Danach kann Tino Ryll entscheiden, ob das Öl in einen der Kraftstofftanks (3 × 10.000 l) oder den 10.000-Liter-Tank für das BHKW geleitet wird.
Premium-Speiseöl
Auf dem Hof wartet eine eichfähige Zapfsäule auf den Einsatz. Stammkunde wird der neue
Fendt 820 Greentec mit Modifikation für Pflanzenöl aus dem eigenen Landwirtschaftsbetrieb sein.
Energieberater Ralf Heise demonstriert die Steuerung der Anlage.
Als dritte Linie der Ölverwertung ist Speiseöl vorgesehen. Für die Abfüllung bauen die Rylls in einem vorhandenen Gebäude auf dem Betriebsgrundstück einen separaten Raum aus. Um die ganze Linie lebensmitteltauglich auszurüsten, waren deutlich höhere Investitionen als bei nur Eigenverbrauch als Kraftstoff notwendig: geflieste Räume, viele Rohre und Armaturen aus Edelstahl usw. Die Rechnung von Energieberater Heise für diese Vermarktungsschiene ist beeindruckend: bei einem Verkaufspreis von 3,35 Euro je Liter Öl kann der Wert der Tonne Raps auf 933 Euro gesteigert werden. „Ich will 0,5- und 1-l-Flaschen und eventuell 5-l-Kanister verwenden. Für die Vermarktung haben wir den Einzelhandel, z. B. Feinkostläden, Gaststätten und die Direktvermarktung im Internet im Auge,“ so Tino Ryll. Hier schließt sich der Kreis, denn auch die Sanddornprodukte und Fleischprodukte von den Mutterkühen passen in diese Vermarktungsschiene. Der Sanddornlikör wurde 2010 auf der World Spirits mit zwei Preisen ausgezeichnet: double gold und spirit of the year 2010. Und die Mutterkühe sind auch nicht irgendwelche, sondern Kobe-Rinder aus Japan, die teuersten und exklusivsten Hausrinder der Welt.
Fazit
Für die Öllagerung (außer Lebensmittel-Öl) kommen aufgearbeitete Kraftstoff-Lagerbehälter zum Einsatz.
Rapsveredlung in Ölmühlen passt in Landwirtschaftsbetriebe, die das Öl selbst verbrauchen oder einen gesicherten Absatz haben: Kraftstoff für Landmaschinen und BHKW einschließlich Zündöl für BHKW von Biogasanlagen, Speiseöl und nicht zuletzt Schaumbremser in Bio-gasanlagen. Die schonende Pressung ermöglicht eine gute Ölqualität. Nicht zu verachten ist der energetische und damit auch finanzielle Wert des Presskuchens, vor allem als Futtermittel.