In der Gemeinde Galmsbüll leben Pioniere - Windkraftpioniere. Neun Betreibergruppen begannen vor über 20 Jahren, Windräder auf ihre Felder zu stellen - insgesamt 38 Mühlen. Heute sind es weniger Anlagen, aber mehr Galmsbüller, die profitieren.
von Rouven Zietz
Der schwarze Passat fährt zügig über die flache A 7 Richtung Flensburg. Zum Ziel geht es irgendwann links ab. Michael Doss hält das Lenkrad. Er spricht über Galmsbüll, das Koogsland und die Windmühlen dort. Doss ist Projektleiter bei der Denker und Wulf AG. Er, das Unternehmen und vor allem sein Chef sind eng mit der Windgeschichte in Galmsbüll verknüpft.
Umstände nutzen
Nachgeprüft: Projektleiter Michael Doss von der Denker und Wulf AG mit zwei Technikern vom Windkraftbauer Enercon im Herzen einer Enercon E82. Die Servicearbeiter überprüfen routinemäßig die Elektronik der 2 MW-Anlage in der Gemeinde Galmsbüll.
Der besagte Gemeindegebiet erstreckt sich über drei Köge. 650 Menschen nennen Galmsbüll im Kreis Nordfriesland ihr Zuhause. Auf einem km2 Fläche leben 13 Bewohner. Das kommt in Schleswig-Holstein öfters vor. Das Bundesland ist dünn besiedelt. Galmsbüll grenzt an die Nordseeküste. Wind geht dort immer. Ende der Achtziger Jahre beschließen neun Betreibergruppen, diesen Umstand zu nutzen. Zwischen 1989 und 1997 bauen sie auf den Feldern 38 Windkraftanlagen mit einer Leistung von knapp 13 MW. Zur damaligen Zeit sind die Genehmigungsauflagen noch nicht so streng wie heute. Das Stromeinspeisegesetz und verschiedene Förderungen heben die Windanlagen in die Wirtschaftlichkeit.
Unter den Pionieren von einst ist auch Torsten Levsen, der heutige Vorstandsvorsitzende der Denker und Wulf AG. In der Projektierungsphase Anfang der Neunziger Jahre nimmt er Kontakt zu den Namensgebern der damaligen Kommanditgesellschaft - Denker & Wulf - auf. Von nun an bleibt er, eigentlich Agraringenieur, der Windprojektierung treu. Sein Unternehmen hat heute knapp 50 Mitarbeiter an drei Standorten. Die Windprojektierer installierten seit 1991 bereits 990 MW mit einem Investitionsvolumen von über 1 Mrd. €.
Restposten: Die 38 Anlagen des ersten Windparks in Galmsbüll kamen auf eine Höhe von höchstens 40 m.
1995, als der größte Teil der Anlagen bereits installiert war, begannen die Windkrafteigentümer an einem neuen Konzept zu feilen. Die Frage lautete wie die Betreibergruppe ihre und die Bedürfnisse der Gemeinde in einem neuen Projekt vereinen könnte, erinnert sich Levsen. Im Jahr 1999 kamen die Vorranggebiete. 2000 trat das EEG in Kraft. Die Betreiber verfolgten die Entwicklung der Windkrafttechnik aufmerksam. Klar war, dass es kein Sinn mehr mache, in die alten, vom Verschleiß bedrohten Anlagen zu investieren. Das Zauberwort hieß nun Repowering (siehe Kasten). Nun musste die Frage geklärt werden, welche Rechtsform dieser neue Windpark haben sollte. Bewusst war ihnen schon damals, sagt Levsen, das nur mit einem Nutzen für alle Beteiligten ein Repowering-Projekt umzusetzen sei. Die Projektgruppe entschied sich für den Bürgerwindpark. Ab diesem Zeitpunkt kommt Projektleiter Michael Doss ins Spiel. Er ist für die Umsetzung des Projekts mitverantwortlich. 2006 erhalten die Betreiber die ersten Genehmigungen für den Bau neuer Anlagen.
Betreiber überzeugen
Alles im Griff: Ein Service-Mitarbeiter von REpower schaut nach, ob die Anlage noch optimal Strom erzeugt.
Die Entwicklung von einem reinen Investoren- zum Bürgerwindpark ist eine Herausforderung. Nur ungern wollen Betreiber ihre Selbstständigkeit aufgeben. Sogar wenn sich ein wirtschaftlich höherer Erfolg anbahnt. Schafft man es, sagt Doss, die ersten Bedenken auszuräumen, muss man im zweiten Schritt die unterschiedlichen Bedürfnisse der Anteilseigner zusammenzuführen. In Galmsbüll ist das gelungen „Hier haben wir sehr viel Erfahrung gesammelt, dass wir auf andere Repowering-Standorte übertragen können.“ Die Gemeindevertretung beäugte ein Nachrüsten des Windparks zunächst skeptisch. Von der Idee eines Bürgerwindparks ließ er sich dann allerdings überzeugen. Rund die Hälfte der 650 Bewohner von Galmsbüll hatte die Möglichkeit, Anteile an den neuen Windrädern zu zeichnen. Am Ende waren es 200 Bürger, die einen Anteil erwarben. Um mitzumachen, mussten die Bürgerinvestoren einige Voraussetzungen erfüllen: Vier Jahre einen Wohnsitz in Galmsbüll haben, über 18 Jahre alt sein und mindestens einen Anteil von 2.500 € erwerben.
Weniger ist mehr: Der Windpark in Galmsbüll hat sich duch das Repowering von 38 auf 21 Anlagen verkleinert.
Das Repowering wurde in zwei Anläufen durchgezogen. Im ersten Bauabschnitt zwischen 2006 und 2007 wurden gleich 34 Altanlagen durch 18 neue Windräder ersetzt. Die verbliebenen vier Altanlagen waren moderner. Sie blieben noch bis Ende 2008 am Netz und wurden dann ausgetauscht. Statt 38 Anlagen gibt es heute 21. Die schaffen allerdings statt knapp 13 MW satte 60 MW Leistung. In Galmsbüll drehen sich 14 Siemensanlagen mit einer Leistung zwischen 2,3 und 3,6 MW, vier Enercon E82 Anlagen mit 2 und 3 MW Leistung und drei REpower Anlagen mit jeweils 3,4 MW Leistung. Die Anlagen sind nicht nur beeindruckend, es lässt sich mit dem Galmsbüller Park auch Geld verdienen: „Wir haben damals sehr konservativ kalkuliert. Die Bedingungen sind heute besser als geplant. Das kommt dem Geldbeutel der Beteiligten zugute.“
Galmsbüll war eines der ersten Repowering-Projekte in Schleswig-Holstein und damit bundesweit. Das Projekt machte Schlagzeilen und gilt bis heute als Positivbeispiel für ein gelungenes Repowering. Denker & Wulf als Projektierer profitiert davon bis heute. Michael Doss fuhr wahrscheinlich nicht zum letzten Mal mit Interessierten in die Kooggemeinde.