Die sächsische Einheitsgemeinde Zschadraß mit ihren 18 Ortsteilen will bis zum Jahr 2050 energieautonom sein und ist diesem Ziel schon ein gutes Stück näher gekommen. Bereits jetzt produziert sie 24 % ihres Wärmeverbrauchs aus eigenen regenerativen Quellen.
von Wolfgang Rudolph
Die neue Sportarena benötigt gegenüber herkömmlichen Hallen 65 % weniger Energie. Auf der Sonnenseite des Runddachs (links) befinden sich die Sonnenkollektoren und eine PV-Anlage.
Beim Strombedarf erzeugt Zschadraß mit der Inbetriebnahme eines der größten Windräder der Region schon über 100 % des Eigenbedarfs. Im März zeichnete die Agentur für Erneuerbare Energien den Ort für sein Engagement als Energie-Kommune aus.
Zwei Dinge fallen ins Auge, wenn man durch die 3.500 Seelen zählende sächsische Gemeinde Zschadraß fährt: Zahlreiche Photovoltaikanlagen und viele Kinder.
„Wir verzeichnen seit 2004, nicht zuletzt durch den Zuzug von Häuslebauern, steigende Geburtenzahlen und der Umgang mit erneuerbaren Energien gehört für den Gemeinderat und die Mehrzahl der Bürger mittlerweile zum Alltag“, bestätigt Bürgermeister Matthias Schmiedel den ersten Eindruck. Beides habe aus seiner Sicht etwas mit Zukunftssicherung zu tun. Denn Zschadraß liege zwar im landschaftlich reizvollen Muldental, sei aber die einnahmeschwächste Kommune im Landkreis Leipziger Land.
Der 300-kW-Hackschnitzelkessel heizt außer dem Schulgebäude auch die Sporthalle, die Gemeindeverwaltung und die Kita der Gemeinde.
Die chronisch klamme Gemeindekasse gab vor zehn Jahren auch mit den Anstoß zu Überlegungen, aus denen sich schließlich ein ehrgeiziges Energiekonzept entwickelte. Da eine Steigerung der Steuereinnahmen durch neue Gewerbe nicht zu erwarten war, kam die Ausgabenseite auf den Prüfstand. „Zweitgrößter Posten im Haushalt waren damals die Energiekosten“, erinnert sich der seit 1990 amtierende Gemeindechef. Mit Akzeptanz der Einwohner werde deshalb seither die Straßenbeleuchtung von null bis vier Uhr morgens ausgeschaltet. Diese und andere Maßnahmen führten zu Einsparungen von 30 %. „Zugleich stärkte mich das in der Überzeugung, dass in Sachen Energie noch weit mehr möglich ist“, so der 53-jährige. Zur Jahrtausendwende stellte er den zunächst noch skeptischen Gemeinderäten sein Konzept „Nachhaltiges Zschadraß“ vor. Bis zum Jahr 2050, so die Zielstellung, soll der gesamte Energiebedarf für alle öffentlichen und privaten Gebäude aus regenerativen Quellen gedeckt werden.
„2050 war bewusst langfristig abgesteckt, denn uns war schon klar, dass wir wegen der begrenzten finanziellen Möglichkeiten den Plan nur Schritt für Schritt umsetzen können“, sagt Schmiedel. Dass es nun vermutlich doch etwas schneller geht, verdankt die Gemeinde kurioser Weise einer Naturkatastrophe - dem Muldehochwasser 2002. Die Jahrhundertflut schädigte zwar viele Einwohner, löste aber auch bundesweit eine Welle der Unterstützung bei der Schadensbeseitigung aus. Zu den Fluthelfern gehörte Werner Nold.
Im Windpark dreht sich eines der größten Windräder der Region (hier kurz vor der Fertigstellung). Die Gemeinde ist an der Anlage zu 20 % beteiligt.
Der Frankfurter hegte seit langem den Wunsch, eine der Nachhaltigkeit verpflichtete Stiftung zu gründen. Das Konzept einer energieautarken Kommune gefällt ihm und so hebt Nold - inzwischen Ehrenbürger der Einheitsgemeinde - gemeinsam mit dem rührigen Bürgermeister die Ökologisch-Soziale Bürgerstiftung mit einem Stiftungskapital von 100.000 € aus der Taufe. „Ohne die Stiftung wären wir heute noch längst nicht so weit“, ist sich Schmiedel sicher.
Auf vielen Dächern Sonnenkollektoren installiert
Mit dem Geld der Stiftung gingen auf fast allen öffentlichen Gebäuden, wie Gemeindeverwaltung, Grundschule, Sportlerklause, Feuerwache oder Wirtschaftshof Photovoltaikanlagen in Betrieb. Solarmodule blinken auch auf dem Dach von einem der drei Kindergärten, die der Verein Ländliches Leben e.V. in Zschadraß betreibt. „Gut 100.000 kWh speisen die Anlagen mit einer Gesamtleistung von 120 kW jährlich ins Netz“, informiert Hauptamtsleiter Hans-Peter Kiesel.
Die Einnahmen von rund 17.000 € flössen in soziale Projekte. So werde Kindern von einkommensschwachen Eltern das Schulessen bezahlt, im Sommer ein Ferienlager organisiert und den Kindereinrichtungen und Vereinen stünden drei Kleinbusse zur Verfügung, die natürlich mit Pflanzenöl fahren. Und das Engagement der Gemeinde färbt augenscheinlich auf seine Bürger ab. „Zahlreiche Dorfbewohner haben sich bereits Photovoltaikmodule aufs Dach gesetzt und jährlich kommen neue Anlagen hinzu“, freut sich Kiesel.
Weil das Muldehochwasser die Grundschule im Ortsteil Tanndorf zerstört hatte, erhielt die Gemeinde Mittel für den Neubau einer Turnhalle. „Diese Gelegenheit wollten wir uns nicht entgehen lassen und beschlossen den Bau einer Sportarena, die sich in unsere ökologischen Zielstellungen einfügt“, erläutert der Gemeindechef. Die Wahl fiel auf eine Rundbogenkonstruktion mit einem ausgeklügelten Energiekonzept.
Die Hackschnitzel für die Heizanlagen der Gemeinde trocknen ohne den Einsatz von externer Energie in Dombelüftungsmieten. Das Verfahren entwickelten Wissenschaftler der TU Dresden.
Gegenüber einer herkömmlichen Halle benötigt sie etwa 65 % weniger Energie für Beleuchtung und Heizung. Neben der Gebäudeform und der Verwendung lichtdurchlässiger Baustoffe wird dies unter anderem durch Wärmerückgewinnung bei der Belüftung erreicht. Röhrenkollektoren erwärmen das Brauchwasser und unterstützen die Hallenheizung. Den Strom für Beleuchtung, Pumpen und Lüfter liefert eine 17-kW-Photovoltaikanlage.
Während der Bauarbeiten für die neue Sportarena „Arche“ wurde die Heizung der nahe liegenden Grundschule von Öl auf Hackschnitzel umgebaut. Der 300-kW-Hackschnitzelkessel versorgt nun nicht nur das Schulgebäude im Winter mit Wärme, sondern über ein Nahversorgungsnetz auch die Sporthalle, die Gemeindeverwaltung und die Kita.
Jeder Baum und Ast, der bei Pflegemaßnahmen der Bauhofmitarbeiter, in Firmen oder bei privaten Grundstücksbesitzern anfalle, lande seitdem auf dem Biomassehof im Ortsteil Raschütz und werde hier zu Hackschnitzeln verarbeitet. Außerdem pflanzte ein
Landwirt der Gemeinde auf 10 ha schnellwachsende Gehölze wie Pappeln oder Weiden an. „Auf einem Teil der Kurzumtriebsplantagen haben wir im Februar dieses Jahres die ersten 250 m3 Biomasse geerntet und vertragsgemäß an die Gemeinde geliefert“, informiert Heike Kräßner, Produktionsleiterin der Bauernhof GmbH. Die Hackschnitzel trocknen auf dem Biomassehof in speziellen, mit diffusionsoffenen Planen abgedeckten Mieten. Diese Dombelüftungstrocknung entwickelten Wissenschaftler der Technischen Universität Dresden.
Jürgen Uhlig, Bauamtsleiter der Gemeinde Zschadraß, freut sich über die Energie von den Sonnenkollektoren auf dem Dach der neuen Sportarena „Arche“.
Das Verfahren senkt den Feuchtigkeitsgehalt des Hackguts auf unter 30 %, ohne dass dafür externe Energie benötigt wird. „Durch die Selbsterwärmung der Hackschnitzel wird über grobmaschige Kanäle im Innern der Miete ein Luftstrom in Gang gesetzt, mit dem die Feuchtigkeit über die Abluftdome entweicht“, erklärt Bauamtsleiter Jürgen Uhlig die patentierte und in Zschadraß erstmals eingesetzte Technologie.
Die Gebäude des Betriebshofes, der angrenzenden Feuerwehr und einer Landhandelseinrichtung beheizt mittlerweile ein weiterer 50-kW-Hackschnitzelofen. „Die Anlage ist auch für die Verbrennung von Miscanthus geeignet“, so Uhlig. Den Anbau dieser Energiepflanze habe man auf einem Versuchsfeld getestet. Künftig soll Miscanthus auf einem 5 ha großen Streifen Gemeindeland wachsen.
Für die Umsetzung ihres ökologischen Konzepts erhielt die Gemeinde bereits einige Auszeichnungen. So bewarb sie sich um den European Energy Award, der ihr 2007 auch verliehen wurde. „Das war für uns sozusagen die Generalprobe“, meint der Bürgermeister. Letztes Jahr würdigte die Sächsische Energieagentur Zschadraß mit dem Prädikat „Energiespargemeinde“.
Matthias Schmiedel, Bürgermeister der Einheitsgemeinde Zschadraß.
Ihr bisher imposantestes Projekt stemmte die sächsische Kommune zweifellos mit der Inbetriebnahme eines der größten Windräder in der Region. Seit Oktober 2009 dreht sich im Ortsteil Bockwitz die 3,2 Mio.€ teure Windkraftanlage mit einer Nabenhöhe von 138 m und speist bis zu 2,2 MW Strom ins Netz. Neben einem privaten Investor aus dem Dorf ist die Gemeinde zu 20 % Miteigentümer der Energieanlage, allerdings nicht direkt, weil dies rechtlich schwierig zu händeln wäre, sondern über die Ökostiftung und den Verein Ländliches Leben e.V. „So ist gewährleistet, dass die Gewinne aus dem Stromverkauf unserer Gemeinde eins zu eins zugute kommen“, begründet Schmiedel das Betreibermodell.
Von den Erlösen profitieren die Bürger aber erst in 14 Jahren, wenn der Kredit abbezahlt ist. Aber Festlegungen, wo das Geld eingesetzt wird, gibt es bereits. „Es soll die Plätze in unseren Kitas für die Eltern aus Zschadraß kostenlos machen, finanziert aus den Gewinnen des Windstroms“, blickt der Geschäftsführer des Vereins Ländliches Leben Tino Stenzel in die Zukunft.