Überschüssiger in Deutschland erzeugter Strom aus Windkraft und Solarenergie fließt künftig nach Norwegen und kann dort in Wasserkraftwerken indirekt gespeichert werden.
von Imke Brammert-Schröder
Der norwegische Netzbetreiber Statnett ist mitten in der Planungsphase der Seekabelverbindung Nord.Link, die auf 640 km Länge Norwegen und Deutschland verbinden soll. Das Kabel soll von Feda an der norwegischen Südküste durch die Nordsee bis nach Büsum verlaufen. Von dort aus wird es als Erdkabel bis nach Brunsbüttel/Wilster verlegt, wo es mit dem deutschen Stromnetz verbunden werden soll. Der Trassenverlauf ist so geplant, dass das Kabel innerhalb der 12-Seemeilen-Zone und an Land parallel zur Anbindung der geplanten Offshore-Windparks verlegt wird. Über das Kabel können 1.400 MW Strom von Deutschland nach Norwegen fließen - oder auch umgekehrt, je nach Preissitua-tion auf beiden Märkten. Das ist soviel wie dreieinhalb Offshore-Windparks produzieren. Später könnte Nord.Link mit den Offshore-Windpark-Clustern verbunden werden, sobald dies technisch machbar ist.
Nord.Link bedeutet für Norwegen und Deutschland gleichermaßen einen Gewinn. In Norwegen wird 97 % des Stroms mit Wasserenergie gewonnen. Das Land verfügt über große natürliche Wasserreservoirs in den Bergen, mit deren Hilfe der Strom zu geringen Kosten in Wasserkraftwerken erzeugt wird. Allerdings gibt es eine Wasserknappheit in regenarmen Zeiten, so dass das Land auf Stromimporte angewiesen ist. Wenn in Deutschland der Wind kräftig weht, werden die Windräder, vor allem in Schleswig-Holstein, herunter geregelt oder ganz abgeschaltet, weil der Strom nicht abgenommen werden kann. Für solche Zeiten fehlt ein Speichermedium für den Strom. Künftig soll der Strom über das Kabel nach Norwegen fließen und dort verbraucht werden. Dadurch werden die Wasserspeicher in den norwegischen Wasserreservoirs geschont und fungieren so als indirekte Stromspeicher.
Beidseitig nutzbar
Wirtschaftlich interessant wird das Projekt durch die erheblichen Preisunterschiede zwischen dem norwegischen und dem deutschen Strommarkt. Im Jahresmittel war der norwegische Strom bis zu 30 % günstiger als der deutsche, der zum Großteil aus Kernenergie, Kohle und Gas erzeugt wird, auch wenn die Bundesregierung 35 % des Bruttostromverbrauchs bis zum Jahr 2020 aus Erneuerbaren Energien erzeugen will. Mit dem Kabel werden also zwei Preisräume miteinander verbunden.
In welche Richtung der Strom fließt, wird durch den Preis bestimmt. Wenn in Deutschland viel Strom aus Wind- und Sonnen-energie erzeugt wird, der nicht verbraucht werden kann, sinkt der Preis. Der Strom wird dann nach Norwegen fließen, wenn sein Preis geringer ist als der für norwegischen Strom aus Wasserkraftwerken. Für beide Länder bedeutet das Stromkabel zudem Versorgungssicherheit: Norwegen bekommt auch in trockenen Zeiten genügend Strom und in Deutschland sinkt die Gefahr von nicht abgedeckten Spitzenlasten.
In Deutschland wird der Strom aus Erneuerbaren vorrangig ins Netz gespeist, der Anteil des Ökostroms am Energiemix soll in den nächsten Jahren weiter steigen. Dadurch wird die Energieerzeugung durch konventionelle Kraftwerke weniger wirtschaftlich. Zudem werden etliche Atomkraftwerke nicht wieder ans Netz gehen. Nord.Link sichert in Zeiten besonders niedriger Wind- und Solarenergieerzeugung mögliche Versorgungsengpässe am deutschen Strommarkt ab. Andersherum werden, je mehr Windkraftanlagen eine nicht planbare Menge Strom produzieren, Speichermöglichkeiten benötigt. Diese werden in Norwegen geschaffen, indem dort die Wasserreservoirs erst dann zur Stromproduktion genutzt werden, wenn es nötig wird. Über das Seekabel können die Strommengen kurzfristig bereit gestellt werden.
Die Investitionskosten für das Seekabel betragen 1,4 Mrd. €. Es soll Ende 2016 fertig gestellt werden. Da Nord.Link als Netzkabel betrieben wird, unterliegen die Einnahmen des Kabels der Kontrolle der staatlichen norwegischen Regulierungsbehörde.