Sonntag, 19.05.2013
Ein Treibhausgas für die Energiewende
Dem klimaschädlichen Treibhausgas CO2 steht eine neue Karriere als Retter der Energiewende bevor, jedenfalls wenn es nach den Initiatoren eines neuen Großprojektes geht.
Partner im Verbundprojekt iC4
© joule/Anke Ralle
Auf den ersten Blick wirkt es ganz einfach: Das Kohlendioxid, was in
Kohlekraftwerken und in der Industrie entsteht, wird in Methan
(CH
4) umgewandelt und ins Erdgasnetz eingespeist. Der Problemstoff CO
2 wird
zum Rohstoff der Energiespeicherung und zur Kohlenstoffquelle für
chemische Grundstoffe. Das klingt nach einer sauberen Lösung und es
wäre auch eine, aber wie immer gibt es noch einige Probleme aus dem Weg
zu räumen. Dass in diesem Konzept ein enormes Potenzial steckt zeigt
das Engagement großer Namen im Verbundprojekt „iC
4 – Integrated Carbon
Capture, Conversion and Cycling“, also die integrierte Abtrennung,
Umwandlung und Nutzung von CO
2. Neben Siemens, Linde, EON, MAN und den
Chemieunternehmen Wacker und Clariant beteiligen sich auch das
Fraunhofer Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik (IGB)
aus Stuttgart und die Technische Universität München (TUM) an dem
Projekt. Seit zwei Jahren arbeiten die Forscher bereits an der Gründung
dieses Innovationsverbundes, jetzt ist endlich der offizielle
Startschuss gefallen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung
(BMBF) unterstützt das Projekt mit 6,3 Mio. Euro und die Verträge über
die Zusammenarbeit sind unterzeichnet. Erste Ergebnisse werden in
einigen Monaten erwartet.
Gesellschaftlicher Auftrag
Die Umwandlung von CO2 in klimafreundliche Energie ist Aufgabe von
Chemikern und Physikern nichts, was der Laie auf Anhieb versteht. Und
trotzdem lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen. Denn wir alle
produzieren täglich CO2 und eine sinnvolle Nutzung des Gases ist ein
wichtiger Bestandteil der Energiewende. Dieser großen
gesellschaftlichen Herausforderung nimmt sich die TUM an, denn dass sei
eine ihrer Aufgaben, sagte Prof. Wolfgang Herrmann, Präsident der
Universität. Mit der Gründung des Verbundprojektes sei es gelungen,
wichtige Akteure zusammenzubringen, um die Forschung voranzutreiben und
für Deutschland die Vorreiterrolle auf dem Gebiet der
Energietechnologien zu verteidigen. Die beteiligten Unternehmen
benötigen in ihrer Produktion viel Energie. Allein die Wacker Chemie AG
verbraucht ein halbes Prozent des gesamtdeutschen Stromverbrauchs, so
der Forschungsvorstand des Unternehmens, Dr. Wilhelm Sittenthaler. Er
unterstreicht, wie wichtig eine langfristig gesicherte
Energieversorgung für den Industriestandort Deutschland ist. Die
Chemiekonzerne Wacker und Clariant setzen hier klare Prioritäten: Die
eigentlich konkurrierenden Firmen arbeiten im Verbundprojekt an einem
wichtigen Zukunftsthema zusammen. Auch Dr. Hans-Joachim Müller,
Vorstand der Clariant AG sagt: „Wir müssen mehr tun. Wir müssen
anpacken statt einpacken.“
Kohlendioxid nutzbar machen
An der TU München wird die Forschung durch viele Unternehmen aus der Industrie unterstützt.
© joule/Anke Ralle
Insgesamt lässt sich die Arbeit des Verbundprojektes in vier Schritte
einteilen, an denen die Verbundpartner jeweils unterschiedlich intensiv
beteiligt sind, jeder nach seinen Stärken. Um aus dem Klimakiller CO
2
ein Energiespeichermedium zu machen, muss es zunächst aus den Prozessen
abgetrennt werden, in denen es entsteht, also im Kohle- und im
Erdgaskraftwerk, in industriellen Prozessen aber auch bei der
Biogasproduktion. Die Abtrennung von Kohlendioxid aus der Luft bzw. aus
Abgasen erfolgt mithilfe von Membrantechnologien. Hierzu arbeiten die
verschiedenen Partner des Verbundprojektes an der Entwicklung neuer und
verbesserter Membranschichten. Der Abtrennungsprozess soll möglichst
reines Kohlendioxid hervorbringen, und dazu müssen „spezialisierte
Membranen“ geschaffen werden, die nur die CO
2-Moleküle durchlassen. Das
Chemieunternehmen Wacker ist einer der weltweit größten Hersteller von
Silikonen, die sich als Membranmaterialien eignen. Die so entwickelten
Materialien sollen anschließend vom Fraunhofer-Institut zu Membranen
„zusammengebaut“ werden und in Anlagen der Linde AG getestet werden.
Auch aus Feststoffen kann CO
2 abgetrennt werden, mit der so genannten
adsorptiven Abtrennung. Siemens betreibt zu dem so genannten
Post-Capture-Verfahren, also der Abtrennung von CO
2 nach der
Verbrennung bereits eine Versuchsanlage im bayerischen Staudinger.
Bisher werden lediglich 0,65% der CO
2-Emissionen genutzt, das soll sich
ändern. Denn bis 2050 müssen die Emissionen um 75% reduziert werden,
damit das globale 2-Grad-Ziel eingehalten werden kann. Neben der
Einsparung von Energie gilt die Abtrennung und Nutzung von Kohlendioxid
als wichtigste Lösung. Jedoch sind die Kosten für die Abtrennung und
die Reinigung des CO
2 in Kraftwerksprozessen bislang sehr hoch und die
Kraftwerke verwenden bis zu 46% der von ihnen erzeugten Energie auf
diese Verfahren. Der Projektteil der adsorptiven Abtrennung von CO
2
wird sich deshalb verstärkt der Kosten- und Energiereduzierung widmen.
Die größte Herausforderung sind dabei die enormen Mengen von CO
2.
Erzeugt ein Kraftwerk 500 MW Strom, werden gleichzeitig 500 Tonnen CO
2
produziert, sagt Dr. Andreas Geisbauer von Clariant.
Aus Kohlendioxid wird Methan
Das so gewonnene Kohlendioxid wird im nächsten Schritt in Methan
umgewandelt. Methan kann als Energiespeicher eingesetzt werden und so
für die Strom- und Wärmeproduktion und für Mobilität eingesetzt werden.
Methan entsteht aus der Reaktion von Kohlendioxid (CO2) und
Wasserstoff (H2). Der benötigte Wasserstoff entsteht durch die Spaltung
von Wasser. Die Energie für diese Wasserspaltung kann regenerativ mit
Sonnen- oder Windkraft erzeugt werden. Auf diese Weise können bisher
ungenutzte Windspitzen und Solarstrom-Überschüsse sinnvoll genutzt
werden. Der gesamte Prozess wird als chemische Speicherung elektrischer
Überschussenergie bezeichnet. Dr. J. Relus Beining von E.on Ruhrgas
sieht in diesem Verfahren großes Potenzial für die Lösung von Speicher-
und Leitungsproblemen. Die Methanisierung des Kohlendioxid an sich wird
mit Hilfe von Katalysatoren durchgeführt. Diese müssen den extremen
Bedingungen in einem Kraftwerk standhalten und gleichzeitig ein reines
Methan erzeugen, das ohne weitere Zwischenschritte ins Erdgasnetz
eingespeist werden kann. Die Firmen Wacker und Clariant stellen solche
Katalysatoren her, die TU München testet diese und im Pilotreaktor der
Firma MAN werden weitere praktische Tests durchgeführt. Schließlich
sollen die Linde AG und E.on die Katalysatoren einsetzen und ihre
Eignung bewerten. Das in der Methanisierung entstandene „synthetische
Erdgas“ wird ins Erdgasnetz eingespeist und so wird diese vorhandene
Infrastruktur genutzt. Schließlich geht das iC4-Projekt noch einen
Schritt weiter. Mithilfe von Photokatalyse soll Sonnenenergie genutzt
werden, um aus CO2 und Wasser Basischemikalien herzustellen. „Das ist
ein absolutes Zukunftsthema“, sagt Prof. Bernhard Rieger von der TUM.
Fazit
iC4 hat sich viel vorgenommen. Aber die Bedingungen sind gut. Die
bisherigen Forschungsarbeiten der Entwicklungsabteilungen verschiedener
Unternehmen, der TUM und des Fraunhofer Institutes werden nun zu einem
Projekt zusammengeführt. Von diesem Zusammenschluss profitieren das
Vorhaben und die Bemühungen um die Energiewende in Deutschland.
Anke Ralle
5 Bilder
Ein Treibhausgas für die Energiewende (04.05.2012)
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