Eine neue Anlage speichert Ökostrom mit zehnfacher Leistung. Die beteiligten ZSW, Fraunhofer IWES und SolarFuel bauen zweite Versuchsanlage mit 250 Kilowatt Anschlussleistung, um die neue Technik voranzutreiben.
Stuttgart - Ab 2020 werden Wind und Sonne zu den wichtigsten Stromquellen gehören.
Doch bisher gibt es noch keine Speichertechniken mit ausreichender Kapazität, die wetterbedingte Stromüberschüsse langfristig aufbewahren können. Mit
einer Ausnahme: Die Speicherung des Ökostroms als Gas im vorhandenen
Erdgasnetz.
Neue Versuchsanlage
Diese noch junge Technik vom Forschungsinstitut ZSW, dem
Fraunhofer IWES und der Firma SolarFuel soll jetzt noch weiter ausreifen. Seit
Juli errichten die Partner am ZSW in Stuttgart eine im Vergleich zur ersten
Anlage um den Faktor 10 umfangreichere Versuchsanlage mit 250 Kilowatt
Eingangsleistung. Ziel ist, die Technik für einen großen Maßstab betriebsbereit zu machen. Die Fertigstellung soll im Sommer 2012 sein. Die Ergebnisse
werden auch in das noch deutlich größere "e-gas-Projekt" der Audi AG einfließen. SolarFuel errichtet für den Autobauer bis 2013 eine erste Anlage im in-
dustriellen Maßstab von rund sechs Megawatt.
„Die neue Versuchsanlage ist für die Produktion von über zehn Kubikmetern
erneuerbarem Methan pro Stunde ausgelegt“, sagt Dr. Michael Specht, der
Leiter des ZSW-Fachgebiets Regenerative Energieträger und Verfahren. „In
der Anlage mit den Abmessungen von zwei Containern ist die gesamte Technik zur Umwandlung von Strom in Gas untergebracht.“
Förderung durch BMU
Ein Elektrolyseur zerlegt mit Strom Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff. Eine Vorrichtung zur
Methanisierung führt dann dem Wasserstoff Kohlendioxid zu, daraus entsteht
unter Einwirkung von Katalysatoren das Methan. Methan ist im Erdgas zwi-
schen 80 und 99 Prozent enthalten und lässt sich deshalb ohne Weiteres in
die bestehende Erdgasinfrastruktur einbinden. Das neue Projekt wird vom
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU)
finanziell gefördert.
Die Anschlussleistung beträgt 250 Kilowatt (kW). Bei der ersten Anlage 2009
waren es noch 25 Kilowatt. Die Anlage ist so konstruiert, dass sie an einer
Biogasanlage betrieben werden kann, Kohlendioxid aus Biogas ist dann nutzbar. „Mit der größeren Anlage wollen wir die Technik weiterentwickeln und
optimieren“, erläutert Gregor Waldstein, Geschäftsführer von SolarFuel. „Das
ist ein weiterer Fortschritt auf dem Weg zur Serienreife.“
Speicherung im Erdgasnetz
Um die wachsenden Ökostromüberschüsse in das Energiesystem zu integrieren, braucht es künftig deutlich mehr Stromspeicher. „Pumpspeicherkraftwerke sind in Deutschland nur noch geringfügig ausbaubar, Batterien können nur
kurzfristig speichern, bei Wasserstoff stellt die Infrastruktur einen begrenzenden Faktor dar“, weiß Mareike Jentsch, Projektleiterin für das Fraunhofer
IWES. „Wird erneuerbarer Strom jedoch in Methan umgewandelt, steht der
Ökoenergie das gesamte deutsche Erdgasnetz mit großen Speicherkapazitäten zur Verfügung.“ Methan ist außerdem langfristig lagerfähig. So ist eine
Speicherung massiver erneuerbarer Überschüsse über eine lange Zeit problemlos möglich – und zugleich bei einem geringen Ökostromangebot die
nachhaltige Deckung der Nachfrage sichergestellt.
Das Gas kann etwa in effizienten Gaskraftwerken mit KWK-Technik rückverstromt werden oder in Mini-BHKWs in Wohnhäusern Verwendung finden.
Oder aber in Erdgasautos.
Nutzniesser AUDI
Diesen Vorteil hat auch Audi erkannt. Der Autobauer aus Ingolstadt setzt die neue Technologie als Erster in die Praxis um:
2013 soll im emsländischen Werlte eine industrielle Pilotanlage in Betrieb gehen. Die Lerneffekte aus der 250-kW-Anlage werden unter anderem dafür
genutzt. Die Großanlage produziert das erneuerbare Methan, von Audi „e-gas“
genannt, mit rund sechs Megawatt Anschlussleistung. Damit wird die Anlage
noch einmal 25mal so groß wie die neue Anlage am ZSW. Audi-Kunden können dann klimaneutrale Mobilität kaufen.
Erfolgreiche Kooperation
Die neue Technik ist Ergebnis einer Kooperation: Die Verfahrenstechnik
stammt vom Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW). Konzepte zur Einbindung in das Stromnetz hat das
Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik IWES entwickelt. SolarFuel sorgt als Anlagenbauer für die Industrialisierung und Kommerzialisierung der Anlagen im Megawattbereich.