Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Welt liegt in ariden Klimazonen - wo die Produktion von Lebensmitteln nur unter hohem Wasser- und Energieaufwand möglich ist. Eigentlich. Denn ein englisches Designerbüro hat das Seawater Greenhouse entwickelt, das mit Meerwasser und Sonnenwärme funktioniert.
von Catrin Hahn
Die nachhaltige Produktion von sauberer Energie, sauberem Wasser und Lebensmitteln wird zukünftig eine der größten Herausforderungen sein.
Wie sie zu bewältigen sei, diese Frage stellte sich Charlie Paton - im Hauptberuf Designer aus einer Kleinstadt nordöstlich von London. Lange schon war er fasziniert vom Wachstum und der Anpassungsfähigkeit von Pflanzen. So entwickelte er gemeinsam mit Naturschutz-, Gartenbau- und Energieexperten ein Konzept, wie in unwirtlichen Regionen der Welt, in denen nur Sonne und Meerwasser vorhanden sind, Pflanzen zum Wachsen gebracht werden können. Erstes verwirklichtes Bauprojekt war ein Treibhaus in einem unfruchtbaren Küstengebiet in Marokko - das mit einer Meerwasserleitung, zwei simplen Verdunstern und der Wärme der Sonne funktioniert. Größter Vorteil dieses Systems: Pflanzen, die hier wachsen, brauchen 1,2 Liter Wasser je m
2
und Tag. Pflanzen unter freiem Himmel dagegen 8 Liter.
(Bild: saewatergreenhouse.com/Australia)
Im Innern des Treibhauses wird mithilfe der Inputstoffe Sonnenlicht und Salzwasser der natürliche Wasserkreislauf von Verdunstung und Kondensation nachgebildet, wie er überall auf der Erde zu finden ist. Es entsteht ein eher kühles, feuchtes Klima, in dem Pflanzen wachsen, ohne unter Stress zu stehen - was sie resistenter gegen Schädlinge macht.
Dieses System funktioniert in Küstengebieten auf der ganzen Welt und kann mit weiteren Industrien kombiniert werden. So kann neben dem
Pflanzenbau hochwertiges Salz gewonnen werden oder die Abwärme von Solarkraftwerken mit genutzt werden.
Für solche kombinierten Projekte gibt es bereits Studien. Eine davon ist das Sahara Forest Project Team.
Vier auf einen Streich
Ziel des Sahara Forest Projects ist es, ein integriertes System für die Trinkwasser-, Energie-, Biomasse- und Lebensmittelproduktion zu schaffen. Die Zutaten dafür sollen Nährstoffe, Sonne und Meerwasser sein. Kombiniert werden in diesem Projekt eine Anlage zur Gewinnung von Nährstoffen aus Meerwasser, eine Solaranlage und das eben beschriebene Seewasser-Gewächshaus. Die Sahara, eigentlich ein für Pflanzen ziemlich lebensfeindlicher Ort, ist für das Projekt der perfekte Ort. Grundbedingung: je heißer, sonniger und trockener, desto besser.
Demoanlage im Aufbau
Das Projekt - eine Gemeinschaftsentwicklung von vier Partnern - ist fertig konzipiert, im Moment beschäftigen sich die Entwickler damit, eine Demonstrationsanlage zu bauen, um die Vorteile untersuchen und vorzeigen zu können.
Heiße Luft für Tomaten
In der Nachbarschaft des Kraftwerks Neurath in Grevenbroich entsteht der größte Gewächshauspark in NRW. Der Kraftwerksbetreiber RWE Power hat dafür das Grundstück bereitgestellt und liefert preiswerte Wärme aus dem Kraftwerk.
Die Gärtner Carsten Knodt, Wilhelm Baum, Matthias Draek und Dirk Drießen, außerdem Henning Schmidt von Landgard und Kraftwerksleiter Dr. Eberhard Uhlig (von links). (Bild: Rouven Zietz)
20 Hektar unter Glas
Die Projektidee entstand vor einigen Jahren. Vier Gärtner, die im Raum Straelen-Krefeld Tomaten erzeugten, schlossen sich als Projektpartner zusammen mit dem Plan, einen der größten deutschen Gewächshauskomplexe zu bauen. Mit Unterstützung der Erzeugerorganisation Landgard e. G., die das Gemüse vermarktet, wurden die Pläne weiterentwickelt. Mindestens 20 ha Glasgewächshäuser sollen insgesamt entstehen. Im ersten, inzwischen abgeschlossenen Bauabschnitt wurden neben Gebäuden für Technik, Lagerung und Verpackung bereits 11 ha Gewächshäuser fertiggestellt.
Dafür haben die vier Partner rund 12 Millionen Euro investiert. Zudem werden im Laufe der Zeit rund 60 Arbeitsplätze geschaffen. Die erwartete Erntemenge liegt bei 5.500 bis 6.000 Tonnen im Jahr. Für die notwendige Wärme sorgt das benachbarte Kraftwerk der RWE Power - ein Braunkohlekraftwerk zur Erzeugung von Grundlaststrom mit einer elektrischen Brutto-Leistung von 2.205 Megawatt. In den nötigen Umbau des Fernwärmenetzes, mit dem auch Wohnhäuser im Ortsteil Neurath beheizt werden, hatte RWE vorher mehr als eine Million Euro investiert. Das vom Kraftwerk in Kraft-Wärmekopplung bereitgestellte rund 70 Grad warme Wasser sorgt dafür, dass die Gewächshäuser auf konstant 20 Grad Celsius gehalten werden. Die Kraftwerkswärme wird vor allem in Schwachlastzeiten, das heißt in der Nacht oder an Wochenenden, in einem 5.000 Kubikmeter fassenden Vorratsbehälter gespeichert und bei Bedarf in die Gewächshäuser weitergeleitet.
Ein weiterer Plan ist die Nutzung von Niedertemperatur-abwärme. Dazu wird eine Teilfläche des Gewächshausparks mit speziellen Heizungssystemen ausgerüstet. Ziel ist, Abwärme aus dem Kraftwerksprozess zu verwenden, die bisher nicht nutzbar war.